Als ich eine Art Flüchtling in Syrien war

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Als ich mein Abitur in der Tasche hatte, es war das Jahr 2000, stiegen mein Freund und ich in seinen VW Golf und fuhren damit nach Italien. In Brindisi rollten wir auf eine Fähre und setzten in die Türkei über. Nach einer Woche erreichten wir die Grenze zu Syrien.

Es dauerte lange, bis man uns hineinließ. Der ältere Mann mit dem dicken Schnauzer, der unsere Pässe kontrollierte, schob uns ein Glas starken, süßen Kaffee hin. Schon da wunderten wir uns.

Als wir nach Syrien hineinfuhren, war es, als hätte uns ein Zeit-Tunnel ausgespuckt. Die Tankstellen sahen aus wie buntbemalte Holztempel. An manchen davon pumpten Jungs per Hand das Benzin in die uralten amerikanischen Straßenkreuzer, die auf den holprigen Straßen unterwegs waren. Statt Coca-Cola oder Fanta gab es kleine Glasflaschen mit gelben und orangefarbenen Limonaden, die sehr süß waren und leuchtende Spuren auf der Zunge hinterließen.

Wir blinzelten in das harte, heiße Licht der Sonne. Noch nie war ein Land uns so fremd gewesen, und wir kamen uns wie echte Abenteurer vor. Gegen Abend des ersten Tages fuhren wir von der Straße herunter und sammelten Steine vom trockenen Boden, um dort unser Zelt aufzustellen. Erst, als wir uns hinsetzten, um die Reste unserer letzten Mahlzeit aus der Türkei zu essen, sahen wir, dass ein junger Mann uns beobachtete. Er stand mit seinen Schafen etwa hundert Meter weit weg. Unsicher guckten wir zurück. Was wollte er?

Der Mann ließ sich in die Hocke nieder, den Hirtenstab zwischen seinen Händen, und starrte uns an. Lange. Erst, als es dunkel wurde, ging er. Vorsichtshalber legte mein Freund beim Schlafengehen unsere große Taschenlampe, die schwer war wie ein Polizei-Schlagstock, neben sich.

Als ich morgens aus dem Zelt herauskroch, fasste meine Hand in etwas Weiches. Fast hätte ich entsetzt gequiekt, aber dann sah ich, dass es Trauben waren. Jemand - der junge Mann von gestern Abend? - hatte sie vor den Eingang gelegt. „Nette Leute hier“, sagte mein Freund verwundert.

Foto: Flickr/Marc Veraart/CC BY-ND 2.0

Wie nett sie wirklich waren, sollten wir schon bald merken. Denn genau das, was wir so aufregend gefunden hatten – das Gefühl, das wir in der Zeit um ein halbes Jahrhundert zurückversetzt worden waren – erwies sich als großes Problem. Denn naiv, wie wir waren, hatten wir nicht daran gedacht, Bargeld mitzunehmen. In unserer Vorstellung kamen Länder nicht vor, in denen man kein Geld per Karte oder Reisescheck kriegen konnte. Als erstes stellten wir fest, dass es keine Geldautomaten gab. Dann, nachdem ein kleiner Junge uns eine Bank zeigte, die wir alleine nie gefunden hätten - es war kein für uns lesbares Schild dran - sagte man uns, dass wir auch am Schalter nichts bekommen würden. Wir hatten eine Kreditkarte, aber damit konnten wir weder Geld abheben, noch Benzin, Essen oder Wasser bezahlen.

Als wir aus der letzten Bank, die uns abgewiesen hatte, auf die Straße traten, kam ein Händler mit einer riesigen, metallenen Teekanne auf dem Rücken und bot uns Tee an. Mein Freund schüttelte den Kopf. Das konnten wir uns nicht leisten. Unser Barvermögen belief sich auf die Reste der zehn Dollar, die wir schon am ersten Tag in syrische Lira eingetauscht und für Benzin und Limo ausgegeben hatten. Wir saßen fest, ohne Geld, in Syrien.

Am Anfang nahmen wir es mit Humor. Umkehren kam nicht infrage. Wir hatten noch ein paar Dosen Mais und Thunfisch im Kofferraum und eine Flasche Balsamico aus Italien, also beschlossen wir, mit dem Rest unseres Benzins bis Damaskus weiterzufahren. Irgendwo musste es doch Geld für uns geben! Und zur Not war da ja noch die deutsche Botschaft.

Es gibt zwei Dinge, die aus jeder Reise einen Alptraum werden lassen können: Wenn man plötzlich kein Geld mehr hat oder wenn man krank wird. Dann ist man, in doppelter Hinsicht, nicht mehr der unbeschwerte Tourist, der sich im Gefühl seiner Freiheit sonnt, sondern ein bedürftiger Mensch in der Fremde. Uns passierte beides.

Vielleicht lag es an dem syrischen Leitungswasser, das wir tranken, weil wir keine Flaschen kaufen konnten. Oder den ungewaschenen Trauben. Jedenfalls fingen schon am zweiten Nachmittag Dämonen an, in unseren Eingeweiden zu heulen. Und entweder hatten wir Fieber, oder auf syrischen Straßen herrschten 40 Grad im Schatten.

Nette Gesten für zottelige Reisende

Man kann wirklich sagen, dass wir zwei Tage lang nach Damaskus krochen. Wir fuhren sehr langsam, um Benzin zu sparen, und auch, weil wir sowieso jede halbe Stunde anhalten und in irgendwelchen Büschen verschwinden mussten. Allmählich fanden wir das gar nicht mehr lustig, sondern fingen an, uns echte Sorgen zu machen. Ich habe in dieser Zeit in keinen Spiegel gesehen, aber wenn ich daran, denke, wie mein Freund aussah, weiß ich, dass wir keinen schönen Anblick boten.

Wir waren dehydriert, seit Tagen ungeduscht und trugen mehrfach durchgeschwitzte, staubige Klamotten. Wenn die Menschen, denen wir begegneten, vor uns zurückgewichen wären, hätte man ihnen das kaum vorwerfen können. Aber stattdessen passierte etwas, das uns in unserem Zustand wie ein Wunder vorkam: Alle wollten uns helfen.

Egal, wo wir ankamen, füllte man bereitwillig unsere Wasserflaschen auf, lud uns zum Tee ein, setzte uns Essen vor, bot uns Schlafplätze. Kinder lächelten uns zottelige Reisenden an. Ein Mann brachte Teigkringel. Eine alte Frau flickte meinen Rock, der an der Seite gerissen war. Die meisten taten das, ohne unsere Situation zu verstehen, weil wir uns nur bruchstückhaft verständigen konnten.

Kurz vor Damaskus dann geschah etwas besonders Seltsames. Kaum hatten wir für eine unserer unzähligen Pausen das Auto geparkt und waren auf der Suche nach einer Toilette die Straße heruntergewankt, winkte ein junger Mann uns ein Café. Wie immer erklärten wir, so gut wir konnten, dass wir kein Geld hatten. Er lachte und brachte uns Bananenshakes mit rotem Sirup. In unserem Zustand bekamen wir sie kaum herunter, aber aus Höflichkeit tranken wir, so viel wir konnten.

Dabei betrachtete er mit gerunzelter Stirn meine Füße, die in sandigen Sandalen steckten. Gerade fing ich an, das komisch zu finden, als er mich mit Gesten zum Aufstehen brachte und zu einem Abflussgitter führte, dass in den Boden eingelassen war. Er nahm eine Plastikflasche mit Wasser und goss sie über meine Füße. Das Wasser war kühl und angenehm und spülte eine dicke Staubschicht weg. Dann machte er das gleiche mit meinem Freund. Durch meinen Fieberdunst kam mir das ganz sehr unwirklich vor. Hatte dieser junge Typ uns gerade wirklich die Füße gewaschen?

Bild: Flickr/Syeefa Jay/CC BY-ND 2.0

Es ist das stärkste Bild, das mir von dieser Reise in Erinnerung geblieben ist. Wie eine Filmszene, die ein merkwürdiges Licht hat, weil sie in einem Traum spielt, steckt diese Geste in meinem Gedächtnis.

Über verschlungene Pfade, die ich bis heute nicht verstanden habe, aber die mit der Kreditkarte eines Elternteils, einem Schmuckhändler und einem Raum voller kompetent wirkender Frauen in weißen Kopftüchern zu tun hatte, kamen wir in Damaskus tatsächlich zu Geld. Ohne eine ganze Kette hilfsbereiter Menschen hätten wir das nicht geschafft. Wir konnten uns ja kaum auf den Beinen halten.

Als wir ein paar Tage später die Grenze von Syrien nach Jordanien passierten, waren wir erleichtert. Endlich kehrten wir zurück in eine Welt, in der wir ganz normal Geld ziehen konnten, und damit waren wir wieder unabhängig. Aber wir fanden es auch schade, Syrien hinter uns zu lassen, und die merkwürdig freundlichen und großzügigen Menschen, die uns, so hatte es sich zumindest angefühlt, ein Stück weit gerettet hatten.


Die Überschrift dieser Geschichte ist natürlich eine Anmaßung. Wir waren keine Flüchtlinge. Weder waren wir auf der Flucht vor Krieg und Gewalt in unserem Heimatland, noch waren wir Teil einer Massenbewegung, die den gleichen Weg wie wir nahm. Wir waren bloß zwei junge Menschen, die naiv in eine blöde Situation gestolpert waren. Nichts von dem, was wir erlebt haben, kommt auch nur annähernd dem Leid gleich, das echte Flüchtlinge heute erleben.

Doch wenn ich versuche, mich in diese hineinzuversetzen, ist dieses Erlebnis die einzige Erfahrung, die mir das zu einem kleinen Teil ermöglicht. Denn immerhin weiß ich, wie das ist, wenn man auf die Freundlichkeit und Gnade der Menschen in einem fremden Land wirklich angewiesen ist. Menschen, deren Sprache man nicht versteht. Und so wenig man unsere Lage damals mit jener der Männer, Frauen und Kinder vergleichen kann, die jetzt in deutsche Flüchtlingslagern sitzen, verfolgt mich eine Frage, seitdem das alles angefangen hat:

Ob wohl einem einzigen der Männer und Frauen, die aus Syrien zu uns gekommen ist, ein Deutscher die Füße gewaschen hat? Ich weiß, diese Frage macht keinen Sinn. Niemand wäscht hier irgendwem die Füße, warum also ausgerechnet einem Flüchtling? Aber ich kriege sie nicht aus meinem Kopf.


Aufmacherbild: Berg in Syrien; Foto: Flickr/syeefa jay/CC BY-ND 2.0