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Krautreporter

Das Frühstück ist tot. Es lebe das Frühstück!

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etwa 9 Min. Lesedauer

Fangen wir mit einer guten Nachricht an: Nicht nur wir hatten dieses Jahr etwas zu essen. Obwohl es immer mehr Menschen gibt, haben laut FAO in diesem Jahr 72 Entwicklungsländer das Milleniums-Entwicklungsziel erreicht, den Anteil der Hungernden zu halbieren. Die schlechte Nachricht: Eigentlich hatten die Vereinten Nationen beschlossen, die Zahl der Hungernden bis 2015 weltweit auf 500.000 Menschen zu halbieren. Das hat nicht geklappt. Noch immer leiden 795 Millionen Menschen an chronischer Unterernährung und Hunger. Als Hoffnung gelten die Kleinbauern. Das sagt nicht nur die Welternährungsorganisation, sondern auch der deutsche Filmemacher Valentin Thurn, dessen Film „10 Milliarden - wie werden wir alle satt?“ 2015 in den Kinos war. Auch wir haben mit ihm gesprochen.

Die Vegavoren kommen

Weiterhin entscheiden sich immer mehr Menschen in Deutschland dagegen, Fleisch zu essen. Das merken auch Köche und Rezeptentwickler. So sagte Elisabeth Raether, die im ZEITmagazin eine wöchentliche Rezeptkolumne schreibt, schon vor anderthalb Jahren:

„Wenn ich etwas zu Hähnchen oder Hackbällchen schreibe, bekomme ich vorwurfsvolle E-Mails und Onlinekommentare. Kalbskoteletts sind für einige Leser kein Essen, sondern Leichenteile eines ermordeten Babys.”

Der Vegetarierbund geht mittlerweile von 10 Prozent der Bevölkerung aus, die sich fleischlos ernähren. Zukunftsforscher glauben aber nicht, dass bald gar kein Fleisch mehr gegessen wird, sondern immer weniger. Eine Weile nannte man solche Esser Flexitarier, neuerdings heißen sie Vegavoren. „Vor allem die Gastronomie orientiert sich verstärkt an diesem neuen Esstypus der Zukunft,“ steht im Food Report 2015 des Zukunftsinstituts.

Es gibt viele sehr gute Gründe, auf Fleisch zu verzichten (die zehn wichtigsten, beruhend auf Forschungen der Universität Jena, hat RP-Online hier aufgelistet). Aber manches spricht auch dagegen. Raether erklärte das in diesem immer noch lesenswerten Text.

Brot hat keinen guten Ruf mehr

Noch ein Trend, der in diesem Jahr enorm angeschwollen ist und keinerlei Anstalten macht, sich 2016 zu verabschieden: die glutenfreie Ernährung. Bis 2019 soll der globale Markt für glutenfreie Produkte um jährlich 10 Prozent auf rund 6,8 Milliarden Dollar wachsen, Europa ist der zweitgrößte Markt. Mittlerweile bieten schon große Bäckereiketten glutenfreie Brote und ebensolche Christstollen an - eingeschweißt, natürlich, denn wer wirklich kein Klebereiweiß verträgt, muss sichergehen, dass seine Backwaren nicht mit Brot und Kuchen aus normalem Mehl in Berührung kommen. Für alle Menschen, die Gluten wirklich nicht vertragen, ist dieser Trend eine gute Nachricht. Leider ist es aber auch ein Hype, der echte mit eingebildeten Krankheitsbildern vermischt.

Wirkt auf viele Menschen mittlerweile bedrohlich: das gute alte Brot.
Wirkt auf viele Menschen mittlerweile bedrohlich: das gute alte Brot.

Foto: Flickr/Ann Marie Michaels/CC BY 2.0

Glutenfreies Essen ist das nächste große Ding nach Raw Food und Superfoods, oft treten die drei an urbanen Hipster-Orten auch in Kombination auf (zum Beispiel in Form von veganem Chiapudding, dessen Konsistenz leider leicht an Froschlaich erinnert, der aber ansonsten recht lecker ist. Hier ein Rezept). Wer den glutenfrei-Trend mitmachen will, aber selbst gar keine Unverträglichkeit hat, wird dieses Video hilfreich finden (auf Englisch - und, ja, das ist Satire).

https://www.youtube.com/watch?v=Oht9AEq1798

Eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Frage, warum immer weniger Menschen Gluten und damit Getreide zu vertragen scheinen, steht in einem Text, den ich dieses Jahr geschrieben habe. Meine These: Vielleicht ist gar nicht das Gluten schuld, sondern einfach die Tatsache, dass unser Brot viel schlechter geworden ist.

Und wo wir schon von Teigwaren reden:

Die schnellste Pasta aller Zeiten

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, mit Italienern zu kochen, die etwas von der Sache verstanden, hat es wahrscheinlich gemerkt: Was wir Deutschen unter italienischem Essen verstehen, ist für sie ein Witz. Wir begehen ständig grobe Schnitzer, wie Tomatensalat mit Balsamico-Essig oder Nudeln, die schon fertig sind, wenn die Sauce noch köcheln muss. Trotzdem kam ausgerechnet aus Italien in diesem Jahr ein Rezept ins Internet und damit in die Welt, das mit ehernen italienischen Kochgesetzen bricht: Die 9-Minuten-Pasta. Für dieses Rezept wirft man einfach alle Saucen-Zutaten zusammen mit Nudeln, Wasser und Salz in eine große Pfanne. Nach neun Minuten bilden die Nudeln nicht etwa einen sämigen Klumpen, sondern liegen al dente in einer ziemlich überzeugenden Sauce. Das Prinzip entspricht der verbreiteten Methode, Pasta-Wasser in eine Sauce zu mischen, um sie anzudicken. Nur ist das Essen mit diesem Trick noch schneller fertig. Das Ganze ist so unkompliziert, dass man eigentlich kein Rezept braucht. Wer es trotzdem genauer wissen möchte: Hier ist es.


Pasta und Sauce in 9 Minuten in einer Pfanne zubereiten. Das widerspricht ehernen Kochgesetzen - aber es geht.
Pasta und Sauce in 9 Minuten in einer Pfanne zubereiten. Das widerspricht ehernen Kochgesetzen - aber es geht.

Foto: Flickr/Benjamin Jopen/CC BY-SA 2.0

Das funktioniert übrigens nicht nur mit Spaghetti mit Tomatensauce, sondern auch mit komplexeren Aromen. Wer des Englischen mächtig ist, kann hier weitere Rezepte finden (und die Hintergrundgeschichte dazu, wie dieses Rezept das Internet eroberte).

Sollte man bei der Zubereitung ein leise schabendes Geräusch hören, ist das die großartige Marcella Hazan, die sich im Grab umdreht. Diese vor zwei Jahren im Alter von 89 verstorbene Koryphäe der italienischen Küche war schon immer eine Gegnerin von Pasta-Wasser in Saucen. Noch besser als der oben genannte Trick ist die Lektüre ihres Werks „Die klassische italienische Küche“. Ihre Gerichte dauern mindestens dreimal so lang, aber wenn man die Zeit hat... lohnt es sich sehr.

Mahlzeiten-Makler

Essen bestellen funktioniert in Deutschland meistens noch so: Telefon in die Hand nehmen, den Pizzabäcker selbst anrufen. Das könnte sich aber bald ändern. Portale wie Pizza.de, Lieferheld, Lieferando, Foodora und Deliveroo zeigen Nutzern Restaurants in der Nähe an und übermitteln die Bestellung. Das ist praktisch für die Kunden, bringt Restaurantbesitzer aber in Bedrängnis. Warum, steht in Peer Schadens Text „Ausgeliefert - wie Pizza.de und Lieferheld die Gastronomie unter Druck setzen“.

Stolze Burger-Brater

Es war ein Jahr des Ruhms für den Burger: Auch gehobene Restaurants setzten ihn auf die Karte, und überall in Deutschland tauchten kleine Läden auf, die Buletten mit Anspruch und handgeschnittene Pommes verkauften. Dies Edel-Burger sind teurer als das Angebot der Burgerketten, aber schmecken oft deutlich besser als der feuchte Schaumstoff mit Rind, der dort über die Theken gereicht wird. Die Kunden scheinen es zu lieben. In Düsseldorf war der Andrang bei Eröffnung einer Gourmet-Burger-Filiale so groß, dass die Polizei einen Teil der Straße sperren musst.

2015 war das Jahr, in dem der Burger seine Ehre zurückbekam.
2015 war das Jahr, in dem der Burger seine Ehre zurückbekam.

Foto: Flickr/insatiablemunch/CC BY 2.0

Das sieht McDonald's natürlich nicht gerne. Dem Unternehmen ging es auch schon mal besser. Weil die Umsatzzahlen sinken und die Fast Food Kette lange verschlafen hat, dass sich die Wünsche der Kunden geändert haben, machte das Unternehmen diesen Herbst einen überraschenden Schachzug: Testweise kamen nur in deutschen Restaurants zwei Burger mit Bio-Rindfleisch in die Läden. Eine Weltpremiere, die international kommentiert wurde. Wie die Kunden das Bio-Patty fanden (der Rest des Burgers bestand aus konventionellen Zutaten) und wie der Markt für Biofleisch damit fertig werden wird, falls McDonald's damit weitermacht - diese Antworten gibt es erst 2016. Was wir jetzt schon wissen: Für die Rinder spielt es zumindest in Sachen Schlachtung keine Rolle, ob ihr Fleisch später ein Bio-Label bekommt, oder nicht. Man ist deswegen nicht unbedingt netter zu ihnen. Wer mehr darüber wissen will, kann diesen Text lesen:

Bio-Fleisch kaufen viele in der Hoffnung, dass die Tiere gut behandelt werden. Ich wollte wissen, ob das stimmt, und habe mir den Punkt angesehen, an dem es wirklich kritisch wird: die Schlachtung.
Bio-Fleisch kaufen viele in der Hoffnung, dass die Tiere gut behandelt werden. Ich wollte wissen, ob das stimmt, und habe mir den Punkt angesehen, an dem es wirklich kritisch wird: die Schlachtung.

Illustration: Veronika Neubauer

Essen wird (wieder) spirituell

In allen großen religiösen Traditionen gibt es Regeln und Auflagen dafür, wie sich Menschen ernähren sollen. Während gläubige Juden und Muslime auf koscheres Essen beziehungsweise rituell „halal“ geschlachtetes Fleisch achten, bilden nicht-religiöse Menschen in den Industrieländern zunehmend eigene spirituelle Vorstellungen um ihr Essen. Die österreichischer Foodtrendforscherin Hanni Rützler sieht diese Entwicklung zum Beispiel beim Veganismus. Das gilt aber auch für andere besondere Ernährungsformen, die Regeln für (moralisch) „gutes“ und „schlechtes“ Essen aufstellen und allgemeine Wertediskussionen anhand von Lebensmitteln führen.

Das Frühstück ist nicht mehr früh

Und noch einmal McDonald's. Einfach deswegen, weil alles, was der Konzern an seiner Karte und seinem Konzept verändert, ein Echo neuer gesellschaftlicher Essgewohnheiten ist. Was bei McDonald's landet, ist kein Trend mehr, sondern Mainstream. Und so ist es bezeichnend, dass es seit diesem Jahr in vielen Filialen den ganzen Tag lang Frühstück gibt.

Damit gehört diese Szene aus dem Film „Falling Down“ endgültig der Geschichte an. Hier versucht Michael Douglas in der Rolle eines Ex-Rüstungsmanagers in einem Fast Food Restaurant Frühstück zu bestellen. Als er es nicht bekommt, zieht er eine Maschinenpistole.

https://www.youtube.com/watch?v=9BrXAhG1k_Q

Vor allem aber zeigt es einen großen Umschwung in der Art, wann wir essen, an. Die Dreifaltigkeit von Frühstück-, Mittag- und Abendessen zerfällt, stattdessen wird zu individuellen Zeiten gegessen und immer mehr im Vorbeigehen „gegrast“, wie Ernährungsforscher es nennen. Denn die Mahlzeiten strukturieren nicht mehr den Tag, sondern wir passen unser Essverhalten dem Rhythmus des Arbeitstags an. Und so gibt es auch keinen Grund mehr, Eiergerichte und Croissants nur vormittags zu essen. Zum Brunch (= Breakfast + Lunch) gesellt sich das Brinner (= Breakfast + Dinner). Für Restaurantbetreiber ist das eine gute Nachricht, denn für Köche ist der Aufwand für ein Frühstück gering, die Gewinnspanne dagegen hoch. Trotzdem ist der Gast glücklich, denn das späte Frühstück assoziieren wir mit Zeit und Luxus. Selbst wenn man seine Rühreier nach einem langen Tag vor dem Computer isst.

Das gruseligste Küchengerät des Jahres

Gehören Sie zu den Menschen, die viel mehr Küchengeräte besitzen, als sie jemals benutzen werden? Dann werden Sie sich freuen, dass 2015 ein besonders nutzloses Koch-Gadget auf den Markt kam: Der „Egg Master“ für rund 35 Euro, der aus rohen Eiern bleiche Würste formt. In diesem Video des Guardian kann man ihn in seinem ganzen Glanz bewundern. Die Idee: Eier braten ist furchtbar anstrengend, das muss ein Ende haben. In Werbevideos sieht man verzweifelte Menschen mit groben Geräten halb verbrannte, halb flüssige Eier aus verkrusteten Pfannen schaufeln und dann schweißgebadet endlose Mengen Geschirr spülen. Der Eiermeister verspricht Abhilfe. Was ziemlich bizarr ist, wenn man bedenkt, dass Eier braten nur wenig schwieriger ist, als ein Glas Mineralwasser einzuschenken. Und wem beim Anblick der Eierwurst das Wasser im Mund zusammenläuft, in dessen Kindheit ist wohl etwas schiefgelaufen.

Noch gruseliger ist allerdings der Turducken. Ein Festtagsbraten_,_ den ambitionierte Rollbraten-Freunde nicht nur in den USA auch dieses Jahr an Weihnachten gegessen haben. Es handelt sich um einen Truthahn, der mit einer Ente gefüllt ist, die ein Huhn umwickelt. (Darum auch der deutsche Name: Trutentchen). Die Hardcore-Variante (mit Speck) heißt Turbaconducken.

Ein Turbaconducken (deutsch: Trutspeckentchen?)
Ein Turbaconducken (deutsch: Trutspeckentchen?)

Foto: Flickr/Benoît Meunier/CC BY-SA 2.0

Nach Weihnachten werden wie jedes Jahr im Januar überall Diät-Tipps stehen. Das ist das harte Erwachen aus dem wochenlangen Iss-alles-wo-Zimt-drin-ist-Rausch. Viele wollen dessen Spuren auf ihren Hüften nun möglich schnell wieder beseitigen (besonders, wenn sie einen Turbaconducken verputzt haben). Bevor Sie aber nun mit der Diät anfangen, die zurzeit en vogue ist, lesen Sie diesen Text. Und überlegen Sie sich das ganze vielleicht noch einmal:

Ist Übergewicht wirklich ungesund? Nein, glaubt Harriet Brown. Und erklärt, warum Menschen, die Diäten machen, letztlich meistens dicker sind, als wenn sie es gelassen hätten.
Ist Übergewicht wirklich ungesund? Nein, glaubt Harriet Brown. Und erklärt, warum Menschen, die Diäten machen, letztlich meistens dicker sind, als wenn sie es gelassen hätten.

Illustration: Veronika Neubauer

Statt Diät dann vielleicht doch lieber Suppe essen. Die war schon immer ein Symbol für Reinheit und Ehrlichkeit. Wie sagte Beethoven:

„Wer eine Lüge sagt, ist nicht reines Herzens, und eine solche Person kann auch keine reine Suppe kochen.”

Ein erfreulicher Suppen-Trend aus diesem Jahr ist Ramen - japanische Nudelsuppe. Die wärmt im Winter und ist in immer mehr Restaurants zu haben. Wer keins findet oder lieber selbst kocht, findet auf diesem hübschen Rezepte-Blog für japanische Bento-Küche eine Anleitung und Erklärungen zu den verschiedenen Zubereitungsarten.

Ein guter Trend: Japanische Nudelsuppe
Ein guter Trend: Japanische Nudelsuppe

Foto: Flickr/MsSaraKelly/CC BY 2.0


Illustration: Veronika Neubauer

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