Wir müssen streiten!

Wir müssen streiten!

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Als die Krim sich Russland anschloss, habe ich meine Mutter regelrecht angeschrien. Sie sagte, die Schande werde vergehen, die Krim aber bleiben, und meine Kinder würden den Zugang zum Meer noch zu schätzen wissen. Ein Wort gab das andere, und irgendwann wurde ich laut. Beim nächsten Telefonat schrie auch sie: Die eigene Tochter habe sich dem Westen verkauft und handle gegen die Interessen ihres Landes, es sei zum Schämen.

So brüllten wir uns eine Woche lang an, und es ging uns schlecht. Bis meine Fotografin Anja Artemjewa mir die simple Frage stellte: „Was ist dir wichtiger: die Krim oder deine Mutter?“ „Meine Mutter.“ „Dann hör auf damit.“ Also hörte ich auf.

Als „Ausländersau“ beschimpft

Alle Journalisten, die ich kannte, durchlebten damals ähnliche Dramen. Ein Onkel, der in der Gegend von Nischnevartovsk im Ural lebte, suchte die Telefonnummer seines Neffen in Moskau heraus, der eine Reportage über das Referendum verfasst hatte. Der Onkel rief ihn an und beschimpfte ihn als „Ausländersau“, da er es an der nötigen Begeisterung habe fehlen lassen.


Jelena Kostjutschenko ist eine der bekanntesten Journalistinnen der „Nowaja Gaseta“. Dieser Text stammt vom Netzwerk n-ost, das Journalisten, Osteuropa-Experten und Medieninitiativen aus über 40 Ländern zusammenbringt. Zurzeit sucht n-ost im Rahmen eines Crowdfundings noch Unterstützer für das Projekt Mediawatch: Texte aus Russland, der Ukraine und der EU darüber, was Propaganda mit Journalisten macht.

Image caption: Jelena Kostjutschenko ist eine der bekanntesten Journalistinnen der „Nowaja Gaseta“. Dieser Text stammt vom Netzwerk n-ost, das Journalisten, Osteuropa-Experten und Medieninitiativen aus über 40 Ländern zusammenbringt. Zurzeit sucht n-ost im Rahmen eines Crowdfundings noch Unterstützer für das Projekt Mediawatch: Texte aus Russland, der Ukraine und der EU darüber, was Propaganda mit Journalisten macht.


Als es in der Ukraine zu ersten Kämpfen kam, fuhr eine Kollegin von mir gerade zu Verwandten in Nähe der Grenze. Sie wollte dort Erdbeeren pflücken und Zeit mit ihrer Nichte verbringen – und kam eine Woche früher als geplant in Tränen aufgelöst zurück.

Innerhalb der Gemeinschaft der Journalisten dagegen gab es keine Konflikte. Wie es natürlich auch gar keine Gemeinschaft der Journalisten gab.

In zwei Lager gespalten

Dass die Journalisten der landesweiten Massenmedien je nach ihrer Haltung zum Ukraine-Konflikt in zwei Lager gespalten sind (die wenigen, die sich neutral verhalten, bemerkt man kaum), ist für jeden Betrachter von außen leicht zu erkennen. Von innen betrachtet sieht die Sache allerdings anders aus. Die beiden – vereinfacht als das der Konservativen und das der Liberalen zu bezeichnenden – Lager haben sich schon vor der Krim-Krise und vor den ersten Kämpfen bei Slawjansk formiert.

Den Riss gab es schon vor dem Krieg

Viele führen den Riss auf die Jahre 2011/12 zurück, als die Proteste in Moskau stattfanden. Damals hatten Journalisten alle Hände voll zu tun. Die staatlichen Agenturen spielten die Anzahl der Demonstranten um ein Vielfaches herunter, und der Sender NTV drehte mit „Anatomie eines Protestes“ eine Dokumentation über vermeintliche Vaterlandsverräter, während die Korrespondenten der „Nowaja gaseta“ und der Internetzeitung „lenta.ru“ buchstäblich auf den öffentlichen Plätzen übernachteten.

Die Revolution scheiterte, die Reaktion setzte sich durch, und bei den Gerichtsverhandlungen gegen die Aktivisten sahen genau dieselben Journalisten schon demonstrativ aneinander vorbei. Als der Krieg begann, entstanden im von den Separatisten kontrollierten Donezk wie von selbst zwei Medienpools: Die patriotisch gesonnenen russischen Korrespondenten saßen zusammen mit Kommandeuren der Freischärler im Café „Legenda“, die unabhängigen russischen Journalisten und ihre westlichen Kollegen in der Bar des Hotels „Ramada“. Im „Ramada“ war es übrigens teurer.

Gespräche über Allgemeines

Seltsamerweise kamen andererseits gerade im Krieg die Journalisten vor Ort wieder miteinander zurecht. In den Moskauer Gerichtssälen hatte man sich aus dem Weg gehen können. Wenn man jetzt an einen bestimmten Ort, etwa nach Uglegorsk, gelangen wollte, musste man an einem Strang ziehen. Unterwegs unterhielt man sich über Allgemeines – darüber, wer mit wem gesprochen hatte, wer wohin wollte, wohin die Truppen sich bewegen würden und ganz besonders natürlich darüber, wer welche Spesen bekam und ob Zuschläge für den Einsatz im Krieg gezahlt wurden.

Ich habe meinen Kollegen kein einziges Mal die Hilfe verweigert, und sie haben mir mehr als nur ein Mal geholfen. Im Krieg kann man sich gar nicht anders verhalten. Aber dass man sich einmal länger aufeinander eingelassen oder gar Fachgespräche geführt hätte, kam trotzdem nie vor. Wir haben nicht einmal unsere Moskauer Telefonnummern ausgetauscht.

Auf Facebook flogen die Fetzen

Gleichzeitig flogen auf Facebook die Fetzen. Medienstars kündigten einander demonstrativ die Freundschaft oder versöhnten sich demonstrativ. Weiterhin ging man zu denselben Veranstaltungen und in dieselben Bars – die neue Normalität bestand darin, dass, wo vier Personen zusammensaßen, zwei von ihnen kein Wort miteinander wechseln würden. Die Kolumnisten fabrizierten Spalten, in denen sie sich gegenseitig der Käuflichkeit, Niedertracht und Unmenschlichkeit bezichtigten.

Dass man von Regierungsseite her die eine Seite unterstützte und die andere zu schwächen suchte, versteht sich von selbst. In anderthalb Jahren Krieg wurde die Redaktion von „lenta.ru“ auseinandergejagt, wechselte „Russkaja planeta“ den Besitzer, wurden Mitarbeiter von „gazeta.ru“ entlassen, stellte man die letzte TV-Sendung ein, die unabhängige Analysen präsentiert hatte – und wieder war die Reaktion auf fremdes Unglück entweder Mitgefühl oder umgekehrt Schadenfreude, und wieder war dies ein Gradmesser der Spaltung.

Viele neue Publikationen

Der Markt wurde mit arbeitslosen Journalisten überschwemmt. Diesen Kollegen wäre es allerdings nicht in den Sinn gekommen, sich den regierungsfreundlichen Medien anzudienen, denen zur Zeit des Krieges neue Gelder zuflossen. Stattdessen schufen sie neue Publikationsprojekte wie „Meduza“, „Arzamas“, „Poslednie 30“, „Takie dela“. Je nachdem, wie ein Gesprächspartner sich zu deren Erfolgen äußerte, war gleich zu erraten, welchem Lager er angehörte. Und wieder war Facebook der Ort, an dem Viele diese Mediengründungen mit ihrem Fluch oder Segen belegten. Aber all das wirkte – wie soll man sagen – nicht ganz seriös.

Die Mehrheit bilden die Gleichgültigen

Mein Gedächtnis sagt mir, dass dieselben Journalisten, die wegen der in Odessa verbrannten Menschen oder anlässlich des Kessels von Debalzewe aufeinander losgingen, das auch schon ein Jahr oder zwei oder gar fünf Jahre zuvor getan hatten. Auch ohne Krieg fanden sie stets einen Vorwand, um die eigene moralische Makellosigkeit und die Verlogenheit ihres Opponenten vor Augen zu führen.

Die ältesten Streitigkeiten, an die ich mich erinnern kann, reichen in die Zeit zurück, als Medwedew Präsident wurde, und das war 2008! Und schon als 2006 meine Kollegin Anna Politkowskaja ermordet wurde, reagierte der „patriotische Sektor“ mit der gewohnten Flut an beleidigenden Artikeln und der „liberale“ mit Mitgefühl. Die Mehrheit bildeten allerdings die Gleichgültigen.

Je weiter von Moskau, desto weniger Spaltung

Sie stellen auch heute die Mehrheit. Je weiter man sich von Moskau entfernt, desto weniger ausgeprägt ist die Spaltung – da geht der Kommentarschreiber einer Zeitung der Regionalregierung durchaus mit einem Kollegen vom oppositionellen Radiosender einen trinken. Sie sind beide Journalisten und müssen bis auf die Werbeeinnahmen nichts teilen. Oft genug zeigt sich, dass ein oppositioneller Journalist zuvor regierungsfreundlich geschrieben oder dass ein „Patriot“ früher schon einmal Material gesammelt hat, das die Herrschenden hätte kompromittieren können. Die regionalen Medien stellen auch bereitwillig Journalisten aus dem anderen Lager ein. Es fehlt an Fachkräften, es gibt zu wenig Journalisten, und in den Medien fällt genug Arbeit an.

So ist eben der russische Journalismus

Mein Freund, der Blogger Oleg Kaschin, der viel darüber nachgedacht hat, was in unserer Branche vor sich geht und wo wir alle stehen, ist der Meinung, dass es die Spaltung schon immer gegeben habe – so zur Zeit der Perestroika, als sich die Zeitschriften „Ogonjok“ und „Nasch sowremennik“ gegenüberstanden,und in den 1960ern („Oktjabr“ gegen „Nowy mir“). Und sogar noch davor. Und so weiter … bis ins Jahr 1917. So sei eben der russische Journalismus.

Worüber reden mit „Arschgeigen“?

Warum heißt es, die Spaltung sei eine Folge des Krieges? Wann waren wir denn je eine Gemeinschaft? Wir wissen noch nicht einmal richtig miteinander zu streiten. Einem Nachwuchsjournalisten erklären die älteren Kollegen gleich in den ersten Monaten, dass die jeweiligen Gegner käufliche, prinzipienlose Arschgeigen seien, und worüber soll man mit Arschgeigen groß reden, noch dazu mit käuflichen? Ein Dialog scheint nicht unmöglich, sondern schlicht überflüssig.

Mit unseren Eltern und Freunden haben wir bis zum Umfallen und bis zu den Tränen über die Ukraine gestritten – aber an den Verfasser der Falschmeldung über den angeblich gekreuzigten Vierjährigen in Slawjansk (viele Russen zogen danach freiwillig in den Krieg) hatten wir keine weiteren Fragen? Wenn der Kommentarschreiber der regierungsfreundlichen „Iswestija“ in seiner Sonntagskolumne die „Nowaja gaseta“ niedermacht, schreibt er nicht für uns Journalisten, sondern für seine Leser. „Die Nacht ist düster und voller Schrecken, verlasst uns nicht“.

Für Dialog gibt es kein Forum

Wer sollte den Dialog auch initiieren? Der russische Journalistenverband ist zu einer Organisation geworden, die Erklärungen herausgibt, Diplome verleiht und internationale Ausweise ausstellt, die zum kostenlosen Museumsbesuch berechtigen. Die Große Jury, die einmal als Gremium des kollegialen Austauschs über schwierige Fälle gedacht war, funktioniert so gut wie gar nicht.

Es fehlt uns an einem Forum für den Dialog. Und es fehlt an Personen, denen man auf beiden Seiten der Barrikaden so viel Achtung entgegenbrächte, dass sie einen Dialog anstoßen könnten.

Die Presse kennt ihre Kraft nicht

Vielleicht verspüren wir ja deshalb kein Bedürfnis zum Austausch, weil wir in unserer gesamten Geschichte nie die Kraft einer solidarischen und sich ihrer selbst bewussten Presse erfahren haben. Sogar heute, da die Medien zu einem regelrechten Kriegskatalysator geworden sind (genau deshalb schreibe ich den Text hier), spüren wir diese Kraft in uns nicht. Wir spüren nicht, dass sie uns zur Verfügung stünde. Die Hauptakteure auf dem Medienmarkt sind die Machthabenden, und ihnen geht es nicht um Gespräche.

Der Krieg in der Ukraine hat den Journalisten keine Einsichten vermittelt und sie nicht zum Dialog motiviert, sondern nur Vorwände geliefert für diesen oder jenen entlarvenden Post und eine Begründung für Honorarzuschläge.

Solange wir nicht begreifen, dass wir in Kriegen nicht nur Geld verdienen und uns gegenseitig beschimpfen, sondern zum Beispiel den Dingen auch Einhalt gebieten könnten, werden wir immer wieder in Kriegssituationen aufeinandertreffen. Die nächste Station wird wohl Syrien sein. Ich habe keine Zweifel, dass wir selbst im ausgebombten Homs noch zwei verschiedene Cafés finden werden.

Aus dem Russischen von Andrea Gotzes, n-ost. Aufmacher-Bild: n-ost.