Kommt ein Paket geflogen

„Drohnen schlafen nicht, streiken nie und können den ganzen Tag im Einsatz sein“

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Vor wenigen Tagen hat Amazon die neue Generation seiner Lieferdrohnen vorgestellt: selbstständig fliegende Geräte, die künftig eilige Bestellungen an die Kunden ausliefern sollen. Das hatte Amazon-Gründer Jeff Bezos schon vor zwei Jahren versprochen.

Seitdem gibt es zwei Lager: Das eine ist überzeugt, dass Drohnen in der Paketzustellung in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen werden. Das andere hält das für ausgemachten Quatsch. Im WDR-Blog „Digitalistan“ schrieb Journalist Jörg Schieb gerade mit maximaler Deutlichkeit auf, für was er die Amazon-Lieferdrohnen hält: „Marketing pur.“ Und prognostizierte: „Alles Mumpitz. Das wird niemals kommen, diese Zustellung per Drohne.“

Lukas Wrede hält dagegen. Der 32-Jährige hat 2013 ein Start-up gegründet, das sich vollständig auf die Entwicklung und den Einsatz von Lieferdrohnen konzentriert und, wenn es die Regulierung erlaubt, künftig ähnlich wie ein Kurierdienst arbeiten will. Nur eben einer, der in der Luft unterwegs ist. Kürzlich hat Skycart - das ist der Name von Wredes Unternehmen - eine Kooperation mit Blume 2000 angekündigt, die 2016 in einer deutschen Stadt starten soll. (Auf dem Foto oben steht er rechts neben Blume-2000-Geschäftsführer Florian Sieg.)

Ich habe ihn gefragt, wie er sich die Drohnenlieferung genau vorstellt – und ob für uns Dauer-Online-Besteller die alte Asterix-Angst Wirklichkeit wird: dass uns im wahrsten Sinne des Wortes der Himmel auf den Kopf fällt.


Skycart will mit Blume 2000 ab nächstem Jahr Bestellungen per Drohne versenden. Bei der Demo vor ein paar Wochen musste euer Gerät aber am Boden bleiben wegen starkem Wind. Heißt das: Wenn an Muttertag künftig schlechtes Wetter ist, fällt das Geschenk für Mama flach?

Lukas Wrede: Nein. Tatsächlich waren an diesem Tag starke Windböen ein Problem. Im Moment sind unsere Drohnen dafür noch nicht ausgelegt. Deshalb hat uns die Flugsicherung einen Strich durch die Rechnung gemacht, bei der wir im Moment noch jedes Mal eine Ausnahmegenehmigung beantragen müssen. Aber wir arbeiten daran, die Drohnen böensicher zu machen. Regen und Schnee sind schon jetzt kein Problem – sofern es nicht durchgehend hagelt und die Temperatur bei 50 Grad minus liegt.

Ich dachte, Drohnen seien besonders empfindliche Geräte?

Nein, eigentlich nicht.

Wie orientiert sich die Drohne bei ihrem Flug?

Das Gerät ermittelt per GPS, wie es von A nach B kommt, wie das Navigationsgerät im Auto. Für Pick-up und Delivery, also das Abholen und Zustellen von Lieferungen, wäre das zu ungenau. Deshalb arbeiten wir zusätzlich mit Sensoren und Kameras. Die dabei ermittelten Daten dienen lediglich der Navigation, wir zeichnen nichts davon auf.

Ihr sagt, ihr könnt bestellte Waren theoretisch innerhalb von 30 Minuten zustellen – das geht aber nur, wenn ihr mindestens einen großen Drohnen-Startplatz pro Stadt habt, oder?

Wir gehen davon aus, dass wir solche Plätze in der ganzen Stadt haben werden, möglichst nah an den Kunden. Wir nennen sie „Skyhubs“. An denen können die Drohnen ihre Batterien aufladen und andocken, wenn es gerade keinen Auftrag gibt. In einer ersten Phase wollen wir an diesen Stationen auch die Waren ausliefern.

Wo sollen die Skyhubs hin? In den Innenstädten ist doch kaum Platz.

Wir brauchen auch keine großen Flächen. Und das System muss nicht unbedingt ebenerdig aufgebaut werden. Es gibt verschiedene Ideen, dazu möchte ich aber noch nichts sagen. Wir wollen unseren Wettbewerbern nicht zu viele Tipps geben. Es soll nach einer gewissen Zeit aber auch eine zweite Phase geben. In der liefern wir exakt dorthin, wo du dich als Empfänger aufhältst: zum Beispiel in den Park oder den Garten.

2016 will Skycart mit Blume 2000 in einer deutschen Stadt abheben; Hamburg ist im Gespräch für den Test

Foto: Blume2000.de

Und wenn ich im Hinterhaus wohne? Die Drohne kann mein Paket ja schlecht beim Nachbarn abgeben, oder?

Wir planen Lösungen, um auch diese Kunden beliefern zu können. Das hat aber noch keine Priorität. Erst wollen wir uns auf die Lieferung an Skyhubs konzentrieren und Möglichkeiten entwickeln, dass Kunden die Lieferung über eine App direkt anfordern können, wenn es ihnen zeitlich passt.

Allein in der Straße meines Büros liefert DHL täglich einen ganzen Haufen Pakete aus – ich kann mir nicht vorstellen, wie auch nur die Hälfte davon künftig aus der Luft kommen soll.

Es geht zunächst auch nur um Waren, die du jetzt sofort „on Demand“ geliefert haben willst: Medikamente zum Beispiel, die du gleich brauchst. Bei anderen Sachen ist es wiederum egal, wenn sie ein paar Tage später ankommen. Ganz klar: Wir können nicht alles per Drohne zustellen. Ich hoffe jedoch, dass ein Großteil der Lieferungen in die Luft verlagert wird, weil sonst immer mehr Lieferfahrzeuge die Straßen verstopfen.

Stattdessen verstopfen dann die Drohnen den Luftraum?

Wenn mich Leute fragen, ob künftig der ganze Himmel schwarz vor Lieferdrohnen sein wird, kann ich sie beruhigen. Erstens sind unsere Drohnen weiß (lacht). Und zweitens können wir ja auch über bebaute Flächen fliegen – es steht also viel mehr Platz zur Verfügung. Außerdem bewegen sich die Drohnen in 60 bis 150 Metern Höhe. Auf der Straße wird der geringe Geräuschpegel kaum noch wahrnehmbar sein.


Auch DHL hat bereits einen sogenannten Paketkopter getestet und auf damit Arzneimittel auf die Nordseeinsel Juist geliefert.

https://twitter.com/DeutschePostDHL/status/534705081204355072

Gegen einen weiteren Probebetrieb in Reit im Winkl haben sich gerade mehrere Anwohner ausgesprochen, berichtete das „Traunsteiner Tagblatt“ am Montag. Die Skepsis gegenüber der neuen Technik ist also noch groß.


Meinen Lebensmitteleinkauf wird mir Skycart künftig aber nicht nach Hause fliegen können – der ist zu schwer, oder?

Lukas Wrede: Unsere Drohne hat einen Durchmesser von 1,45 Meter und ein Eigengewicht von zirka 5 Kilo. Damit können wir derzeit Lieferungen bis 5 Kilo transportieren. Je leichter das Gerät ist, desto besser. Deshalb haben wir bis auf die Elektronik, die geschützt werden muss, fast alles freigelegt, um auf unnötiges Gewicht zu verzichten. Das schwerste sind die Batterien.

Lohnt sich der ganze Aufwand denn dafür, dass mir nachher bloß ein USB-Kabel oder ein Buch zugeflogen wird?

Ja, weil sich das Kaufverhalten ändert. Viele Kunden legen Wert darauf, bestellte Artikel innerhalb eines Tages oder innerhalb weniger Stunden geliefert zu bekommen. In den USA gehört das in großen Städten schon zum Standard, in Deutschland setzt es sich auch langsam durch. Schon heute bringt dir der Elektronikmarkt im Zweifel das Kabel, das du für deine Präsentation brauchst, innerhalb einer Stunde direkt an den Arbeitsplatz – per Kurier. Das ist bloß teuer und aufwändig. Mit der Drohne geht es schneller.

Ihr behauptet, auch günstiger sein zu können – wie soll das gehen?

Weil unsere Drohnen computergesteuert fliegen, müssen wir keine Fahrer bezahlen. Kosten für Versicherung, Wartung und Treibstoff sind sehr viel geringer oder nicht vorhanden. Das Teuerste an der klassischen Lieferung ist aber sowieso die Zeit, die der Fahrer im Verkehr stecken bleibt. Das kann uns nicht passieren. Drohnen schlafen nicht, streiken nie und können den ganzen Tag im Einsatz sein.

Mit wie vielen Geräten rechnet ihr für die Zukunft?

Ich kann mir gut vorstellen, dass es in Städten wie Hamburg und Berlin künftig jeweils tausend Lieferdrohnen geben wird.

Ich finde, es ist ein komisches Gefühl, dass mir auf der Straße bald das Geburtstagsgeschenk meines Nachbarn auf den Kopf fallen könnte, wenn mit der Technik was schiefgeht.

Das ist aber ziemlich unwahrscheinlich, unsere Drohnen können nicht so leicht abstürzen. Wenn beim Flugzeug beide Triebwerke versagen, fällt das ja auch nicht wie ein Stein vom Himmel, sondern gleitet erst einmal eine Zeit lang weiter. Ähnlich ist das, wenn an der Drohne ein Propeller defekt sein sollte. Ich glaube, es ist eine Frage der Gewohnheit. Als Kutschen durch Autos ersetzt wurden, waren die Menschen auch erst skeptisch.

Völlig zurecht, so gefährlich wie Autos im Straßenverkehr sind.

Und trotzdem fährt heute niemand mehr Kutsche. Das Auto hat einfach mehr Vorteile mit sich gebracht.

Wer sind eure Investoren? Der Finanzbedarf dürfte ja kein kleiner sein.

Die Entwicklung kostet auf jeden Fall ein Vielfaches eines Software-Start-ups. Derzeit sagen wir nicht, wer uns finanziert.

Wie will Skycart als Start-up gegen Amazon bestehen?

Ich glaube eher, dass Google ein Wettbewerber sein könnte. Amazon hat natürlich den Vorteil, die gesamte Prozesskette überschauen zu können und ist quasi sein eigener Kunde. Aber viele andere Unternehmen sind ganz froh, wenn es noch Alternativen zu Amazon gibt.


In jedem Fall nutzt Amazon die Lieferdrohnen schon jetzt sehr konsequent als Marketing-Werkzeug. Im neusten Promotion-Video schildert Ex-„Top Gear“-Moderator Jeremy Clarkson, der nach einem Skandal bei seinem Heimatsender BBC rausflog und prompt von Amazons Video-Tochter für eine neue Show verpflichtet wurde, eine Drohnenlieferung für eine sympathische Familie, die vermutlich direkt aus der Waschmittelwerbung abgeworben wurde:

https://www.youtube.com/watch?v=MXo_d6tNWuY


Noch sind regelmäßige kommerzielle Drohnenflüge gar nicht erlaubt, weder in den USA noch in Deutschland. Euer Geschäftsmodell basiert auf der Annahme, dass sich das ändert. Wieso seid ihr da so sicher?

Lukas Wrede: Mitte 2016 sollen kommerzielle Drohnenflüge in den USA ohne Sondergenehmigungen möglich sein, allerdings mit Einschränkungen: Es darf nur manuell, auf Sichtweite des Piloten und bei Tageslicht geflogen werden. Unsere Drohnen fliegen aber wie gesagt autonom. Dafür wird es noch einmal eine eigene Reglung geben. Die amerikanische Flugaufsicht FAA hat die NASA damit beauftragt, ein Airspace-System für Drohnen zu entwickeln. Die NASA arbeitet dafür mit unterschiedlichen Firmen zusammen: mit Amazon, Google – und Skycart. So soll ein Standard entwickelt werden, den die FAA ausformulieren kann. Meine Einschätzung ist: Wenn sich in den USA was bewegt, wird Europa nachziehen. Die Flugsicherungsbehörden arbeiten eng miteinander zusammen. Deshalb gehe ich davon aus, dass es eine internationale Regel geben wird, vielleicht mit nationalen Besonderheiten.

Warum hast du Skycart in den USA gegründet, nicht in Deutschland?

Ich habe in Deutschland keine Ingenieure gefunden, die bereit gewesen wären, das Unternehmen zu gründen. In San José sind wir nicht weit von der Stanford University entfernt und können auf gut ausgebildete und motivierte Leute zugreifen. Allerdings ist der Wettbewerb in den USA natürlich ungleich härter.

Du hast Aviation Management studiert und danach schon eigene Start-ups gegründet. Skycart ist jetzt sozusagen die Kombination aus beidem?

Eigentlich habe ich geplant, so wie Richard Branson meine eigene Fluggesellschaft zu gründen, das aber wegen der fehlenden Milliarden an Startkapital kurzfristig aufgegeben (lacht). Mit den Drohnen steure ich jetzt immerhin schon mal in eine ähnliche Richtung.


Aufmacherfoto: Blume2000.de (Blume-2000-Geschäftsführer Florian Sieg, links, mit Skycart-Gründer Lukas Wrede)