Das Medienmenü von Anja Wagner

„Das öffentlich-rechtliche System ist nahezu korrupt“

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  • Zahlen aktualisiert 17. Oktober, 21:51 Uhr
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Mein Medienmenü startet morgens vor dem Frühstück mit einem schnellen Check von Google News, Google+, Facebook, Twitter, Mails - und zwar stets in genau der Reihenfolge. Das hat sich über die Jahre bei mir so eingebürgert. Ein kurzer Scan auf dem Smartphone, was über die Nacht passiert ist.

Meist folge ich über all diese Dienste hinweg jeweils ein bis zwei Links auf die empfohlenen Artikel, die ich dann schnell lese – wenn dafür die nötige Zeit ist. Da mir Seiten, die nicht für Mobilgeräte optimiert sind, kolossal auf den Keks gehen, umschiffe ich deren Lektüre auf dem Handy. Auch die mobilen Apps der klassischen Medienanbieter brauche ich persönlich nicht. Ich suche die Vielfalt an unterschiedlichen Angeboten, aus der ich dann per Serendipity-Prinzip selbstbestimmt auswählen kann.

Serendipity (auf deutsch Serendipität oder oft auch Serendipitätsprinzip) bezeichnet, vereinfacht gesagt, etwas zu finden, wonach man nicht gesucht hatte, das sich aber dennoch als nützlich oder hilfreich erweist. Serendipität ist dabei mehr als nur ein glücklicher Zufall.

Der Begriff geht vermutlich auf ein persisches Märchen über die „drei Prinzen von Serendip“ zurück. Als bekanntestes Beispiel für Serendipität gilt die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus (der einen Seeweg nach Indien suchte), eines der kurioseren ist die Erfindung des Post-it-Haftzettels (dessen Erfinder eigentlich einen besonders starken Klebstoff entwickeln wollte).

Am Schreibtisch läuft dann auf einem Bildschirm immer Tweetdeck. Wie ein Newsticker läuft das in meinem persönlichen Stream. Sehr viele Tweets – es werden immer mehr. Es ist mein Fenster zur Welt bei stiller Schreibtischarbeit. Ich schaue nur in Pausen darauf. Oder in Prokrastinationsphasen. Oder in hoch diskursiven Phasen. Oder wenn interessante Konferenz-Tweets laufen. Aber am liebsten nur in Pausen. Eben souverän. Und auch dann niemals mit dem Anspruch, wirklich alles mitzubekommen, sondern als zufälliger Blick auf einen zeitaktuellen Ausschnitt. Gleichzeitig habe ich Tweetdeck so eingestellt, dass ich eine Benachrichtigung erhalte, wenn mich jemand auf Twitter persönlich anschreibt. So kann ich gegebenenfalls schnell reagieren. Oder auch nicht. Muss es ja noch nicht gesehen haben…

Wird es mir nämlich an manchen Tagen zu viel oder benötige ich meine 120prozentige Konzentration, schalte ich sämtliche Kommunikationskanäle komplett aus. Dann schaue ich aber mitunter auf dem Smartphone nach, ob ich etwas Wesentliches verpasst habe.

Neben diesem persönlichen Stream verfolge ich meist drei bis fünf Hashtags über eine gewisse Zeit, je nachdem, welche Themen mich aktuell am meisten interessieren. Manche dieser Themen und Begriffe halten sich sehr lange, andere sind nur tageweise eingeschaltet. Dort schaue ich vorbei, wenn ich Input-Bedarf habe. Oder aus tagesaktuellem Anlass. Oder als Kreativitätstechnik. Oder... oder... oder...

Über Google Plus und Facebook surfe ich tagsüber nur gelegentlich. Diese Plattformen dienen für mich mehr dem Networking. Außer einigen Communities auf Google Plus (z.B. Digitale Bildung) und einigen Gruppen auf FB (z.B. Smart Country) gibt’s da, neben dem persönlichen, direkten Austausch, für mich zwischenzeitlich wenig zu holen. RSS-Feeds wichtiger Kanäle sammle ich nur noch sporadisch, schaue genau genommen aber eh seit Jahren fast nicht mehr rein.

Bin ich unterwegs in der U-Bahn, lese ich bei Langeweile ein wenig Twitter. Meist bemühe ich mich, diese Fahrten zum Denken zu nutzen – ohne Medienkonsum. Auf längeren Zugfahrten wiederum lese ich oft in meiner E-Book-Sammlung auf dem Tablet. Das sind meist englischsprachige Sachbücher rund um Themen wie Entrepreneurship und ähnliches. Früher kaufte ich noch Zeitschriften für die Reise – darüber bin ich hinweg.

Dafür kaufe ich mehr oder weniger regelmäßig brand eins und Business Punk im Printformat, wenn ich drüber stolpere. Das meiste darin lese ich nicht. Aber es fühlt sich gut an, den Spirit zu spüren, der in den beiden Zeitschriften lebt. Es ist wie so eine Art Seelenbalsam für mich.

https://www.youtube.com/watch?v=9h1C8YMiKu4

Radio höre ich kaum noch. Manchmal am Wochenende oder in der Küche. Dort ist als Standard der Berliner Sender Flux FM eingeschaltet. Das gefällt mir. Ich fühle mich so als Teil einer Szene, die ich zwar altersbedingt nicht mehr lebe, aber gut finde, weil sie zeitgemäß ist.

Mit dem Fernsehen kann ich schon lange nichts mehr wirklich anfangen. Nachrichten vielleicht, Dokumentationen mal, Sport mitunter, Polit-Talk sporadisch, um den Mainstream zu verstehen – that’s it. Ich versuche noch ab und an, den Tatort aus alter, sozialer Tradition zu schauen, aber eigentlich auch zunehmend lustlos. Generell bin ich eine entschiedene Gegnerin der GEZ-Gebühren beziehungsweise des Rundfunkbeitrags, wie sie neuerdings heißen. Ich halte dieses ganze öffentlich-rechtliche System für nahezu korrupt und maximal reformbedürftig. Die Ausgaben stehen in keinem Verhältnis zu Leistung und Bedarf im 21. Jahrhundert.

Ich wollte eigentlich immer mal einen Spannungsbogen aufbauen, um auf dem Höhepunkt die Forderung aufzustellen: Spart ihr im öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch mal einen Intendanten ein und stellt uns das Jahresgehalt bei unserem Crowd-University-Projekt ununi.TV zur Verfügung. Ich würde davon sechs halbe Stellen finanzieren plus zwei studentische Hilfskräfte und den Rest des Geldes in Infrastruktur stecken. Ich denke, als gesellschaftliches Experiment hätten wir mehr davon…

Okay, jetzt habe ich noch keinen Spannungsbogen: Springe ich also vom Ein-Meter-Brett ;-)

Inzwischen sind wir am Abend meines medialen Tagesablaufs angekommen. Habe ich über den Tag wenig mitbekommen von meinem persönlichen Netzwerk in Digitalen, schaue ich kurz abends bei Flipboard vorbei, welche Links mein Netzwerk in letzter Zeit postet. Ich nutze sie sozusagen als meinen Filter, um auf dem Stand zu bleiben.

Relativ regelmäßig blättere ich abends noch in meiner personalisierten Zite-App auf dem Tablet. Nirgends sonst habe ich so viel gelernt zum Thema Entrepreneurship und modernem, digitalen Lifestyle wie dort. Da es englischsprachig ist, habe ich über diesen Weg auch eher ein internationales Mindset entwickelt. Der just-do-it-Spirit liegt mir persönlich näher als der ängstliche Blick im deutschsprachigen Raum.

Nachrichtenaggregator Zite

Screenshot: Zite

Zite ist ein Nachrichtenaggregator, der sich individuellen Interessen und Themenvorlieben anpasst und nach und nach lernt, welche Artikel für den Nutzer von besonderem Interesse sind. Das Startup, das die App entwickelt hatte, wurde 2011 von CNN für 25 Million Dollar gekauft. 2014 kaufte Flipboard die App für angeblich 60 Millionen Dollar. Flipboard ist selbst ein Nachrichtenaggregator und will vor allem die Personalisierungstechnologie in die eigene App integrieren. Die bestehende Zite-App wird bis auf Fehlerbehebungen nicht mehr weiterentwickelt, soll aber auf absehbare Zeit bestehen bleiben.

So sieht also mein Medienmenü über den Tag verteilt aus. Wenn ich so darauf schaue, zähle auch ich noch zur textlesenden Generation. Bewegtbild schaue ich verhältnismäßig selten - es ist mir meist zu langatmig. Oder zu profan. Oder zu selbstverliebt. Dito mit Podcasts. Es sei denn, mir wird eine Folge explizit mehrfach aus meinem Netzwerk empfohlen.

Was mir gerade auffällt: Früher habe ich noch viel Musik gehört. Das hat sich für mich auch ziemlich erledigt. Woran das wohl liegt? Wer weiß? Ich werde es weiter beobachten. Vielen Dank für diesen Anlass zur Selbstreflexion.


Dr. Anja C. Wagner beschäftigt sich mit User Experience, Bildungspolitik, Arbeitsorganisation und unserer Zukunft in einer vernetzten Gesellschaft. Mit dem Unternehmen FrolleinFlow GbR bietet sie Studien, Vorträge, Consulting und verschiedene Online-Projekte an. ununi.TV ist eines dieser Online-Projekte.

Oben kann man ein Video-Interview mit Anja C. Wagner sehen, in dem sie über die „unvernetzte“ Generation 50+ und die dadurch verpassten Chancen spricht. Wagner schreibt außerdem eine regelmäßige Kolumne für die Plattform Netzpiloten, die man hier lesen kann.

In der von Christoph Koch _betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.