„Polen als rechtsextremes Land hinzustellen, ist Quatsch“

„Polen als rechtsextremes Land hinzustellen, ist Quatsch“

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Marek Fis, 31 Jahre alt, ist in Nord-Polen geboren, aber in Westdeutschland aufgewachsen. Als Klischee-Pole mit „Ostblock-Latino“-T-Shirt, Nuschel-Akzent und künstlicher Dauererektion in der Jogginghose – die er von Zeit zu Zeit bis unter die Achseln hochzieht – ist er seit einigen Jahren in Comedy-Sendungen im Fernsehen zu sehen. Im echten Leben heißt er Wojciech Oleszczak, klingt eher Niederrheinisch und äußert sich ebenso reflektiert, wie er auf der Bühne grob ist, über die Missverständnisse der deutsch-polnischen Nachbarschaft. Und da gibt es Einiges zu bereden.

Herr Fis, Sie sind in Polen geboren und 1988 als Kind nach Kleve im Rheinland gekommen. Wie verteilen sich die deutschen und polnischen Anteile Ihrer Identität?
Mein Herz ist polnisch, aber mein Zuhause ist Deutschland. Ich liebe beide Länder. Der Großteil meiner Familie lebt in Polen. Ich habe jede Sommerferien vier Wochen in Polen verbracht. Ich spreche und schreibe perfekt Polnisch, weil das meiner Mutter wichtig war. Ich fühle mich als Pole, aber über den deutschen Einfluss bin ich sehr dankbar. Der Schlüssel für die Integration in Deutschland war die Sprache und ein Leben mit- und nicht nebeneinander. Ich identifiziere mich zu hundert Prozent mit meiner zweiten Heimat.

In Ihrem Comedy-Programm überspitzen sie polnische Klischees mit voller Absicht. Ist das auch eine Methode, Verständnis zu wecken?
Es geht in meinem Programm vielleicht fünf Minuten so stark zur Sache, der überwiegende Teil besteht nicht aus Polen-Witzen. Es gibt nur einen Auto-Witz, weil er eben lustig ist und ich die Situation selbst erlebt habe. Meine Methode ist Überspitzung. Wer Wellness-Comedy erwartet, ist bei mir falsch. Es ist mir wichtig, Haltung zu zeigen und gesellschaftliche Probleme anzusprechen.

Sprechen wir über die Parlamentswahl in Polen. Was ist denn da passiert? Polen hat ein Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent, die Wirtschaft ist in den vergangenen zehn Jahren um 20 Prozent gewachsen. Trotzdem ist die Regierungspartei Bürgerplattform (PO) um 15,1 Prozent auf 24,1 Prozent abgestürzt. Wie bekommt man das überhaupt hin?
In Deutschland hat man sofort eine Verbindung zu Ungarn hergestellt und Kaczyński zum Dämonen gemacht. Das große Wirtschaftswachstum in Polen ist aber ein wichtiger Unterschied zu Ungarn, wo Krise herrscht. Auch ist nicht Kaczyński Präsident, sondern Andrzej Duda, ein junger, ehemaliger Europaparlamentarier, der zwar von Kaczyński protegiert wurde, aber der Partei dennoch ein neues Gesicht gegeben hat. Auch die neue Ministerpräsidentin Beata Szydło ist jung und erfolgreich: Sie hat 40 Prozent der Stimmen bekommen. Kaczyński zieht vielleicht die Fäden, aber sie hat ein starkes Mandat des Wählers bekommen.

Gewinne und Verluste der polnischen Parlamentswahl: Spektakulärer Absturz der bisherigen Regierungspartei PO.

Kaczyński hat vor der Wahl behauptet, Schweden habe in manchen Gegenden die Scharia eingeführt. Flüchtlinge würden Ruhr und Cholera nach Europa einschleppen. Ein “Budapest in Warschau” werde schon noch kommen. Ein Verfassungsentwurf seiner Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) klingt auch sehr bedenklich.
Selbst Kaczyński braucht eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Senat, um die Verfassung zu ändern. Das bekommt er nicht hin. Was mich natürlich stört an diesen Aussagen: Es gab in der 1980er-Jahren einen Exodus von Polen, die wie meine Familie das Land verlassen haben. Wir waren auch Flüchtlinge. Seit den 90er-Jahren sind viele zur Arbeit nach Großbritannien gegangen. Polen hat der EU viel zu verdanken. Nun wird auf die EU eingedroschen, obwohl die Bindung an Europa viel stärker ist als in die Ukraine, nach Russland sowieso. Das Spiel mit den Ängsten ist leicht in Polen – auch weil die Kirche mehr Gewicht bekommt durch die neue Regierung.

Wie einflussreich ist denn die katholische Kirche in Polen?
Die Kirche ist für viele Menschen noch immer Seele und Motor des Landes. Es gibt eine starke Bindung der Familien an die Kirche. Viele junge Leute, vor allem die, die im Ausland gewesen sind, sehen das inzwischen etwas differenzierter. Der Gleichheitsmarsch “Parada Równości” für die Gleichberechtigung der Schwulen und Lesben muss immer noch polizeilich geschützt werden.

Wenn man sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzt, wie Sie es tun, ist man dann schon sehr am Rand des politischen Spektrums?
Der Boxer Dariusz Michalczewski hat sich in vielen Debatten für Schwulenrechte eingesetzt und wird stark angefeindet. Man hat jedenfalls keine Mehrheit mit dieser Meinung, aber es hat sich etwas getan. Es gibt mehr Homosexuelle im öffentlichen Leben, aber es ist noch ein weiter Weg.

Wenn die PiS in Deutschland zu einer Wahl antreten würde, mit welcher Partei wäre sie am ehesten vergleichbar?
Es ist eine Mischung der 90er-Jahre-CDU mit der AfD.

Ist die neue polnische Regierung also ähnlich fremdenfeindlich wie die AfD?
Die Polen legen starken Wert auf einen starken Nationalstaat. Sie sehen sich mit den anderen Osteuropäern wirtschaftlich als EU-Mitglieder zweiter Klasse. Die meisten der wenigen Flüchtlinge in Polen kommen aus der Ukraine oder Tschetschenien. Die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten sind vor allem christliche Syrer. Eine große Mehrheit ist gegen die Einwanderung von Muslimen und erwartet davon Sodom und Gomorrha. Die überwiegende Mehrheit der Polen will keine Zustände wie sie in Frankreich, Belgien oder zum Teil in England herrschen. Eine Parallelgesellschaft hätte in meinem Heimatland keine Chance. Polen ist immer noch ein “Auswanderungsland”. In den letzten Jahren haben sehr viele junge Menschen das Land verlassen. Und nun befürchten einige einen Verlust des Polentums durch den Zuzug von Fremden. Dabei wird Polen in Zukunft auf junge, gut ausgebildete Facharbeiter angewiesen sein.

Wie sehr haben die Polen für Kaczyński gestimmt, der die Partei dominiert, und wie sehr für Beata Szydło?
Kaczyński tritt nicht mehr so häufig in Erscheinung wie in der Vergangenheit. Er polarisiert: Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. In meinen Augen hat er sich diskreditiert durch ein paar dumme Sprüche, die er über Flüchtlinge geäußert hat. Allerdings haben das auch Politiker in Frankreich oder Italien getan, auch in Deutschland. Polen als rechtsextremes Land hinzustellen, ist Quatsch. Man muss verstehen, dass 96 Prozent der Menschen in Polen polnischer Abstammung sind, fast alle sind katholisch. Das ist eine ganz andere Situation als in Belgien, Italien oder Deutschland. Deswegen kann man nicht so pauschal urteilen. Ich bin kein Kaczyński-Wähler und auch kein Freund dieser Partei. Aber man muss ihr zugestehen, dass sie sich weiterentwickelt hat. Erst die Schwäche der PO und der gesamten Linken hat ihren Erfolg möglich gemacht.

Kaczyński auf dem Titel der polnischen

Image caption: Kaczyński auf dem Titel der polnischen "Newsweek"- Ausgabe: “Herrscher mit absoluter Macht”

Welche Rolle spielt Kaczyński dann? Auf dem Titel der polnischen Newsweek ist Kaczyński mit einer Krone abgebildet, darunter steht “Herrscher mit absoluter Macht”.
Das ist übertrieben. Natürlich zieht er im Hintergrund die Fäden. Er wird der neuen Ministerpräsidentin und auch dem Präsidenten Duda im Hinterzimmer schon sagen, was sie zu tun haben. Aber man darf seine Macht auch nicht überschätzen. Der Mann ist 66 und hat kein wichtiges politisches Amt inne. Seine Zeit ist eher vorbei, als dass sie noch kommt.

2005 bis 2007 war er schon einmal Ministerpräsident. Damals drängte er den Amtsinhaber einfach zur Seite. Ist es denkbar, dass Kaczyński Beata Szydło irgendwann absetzt und sich selbst nochmal in ein Amt hievt?
Nein, das glaube ich nicht. Mit diesem Ergebnis kann er nicht an ihr rütteln, sofern sie keinen schweren politischen Fehler macht.

Aber sie war vor den Wahlen weitgehend unbekannt. Auch der neue Präsident, Andrzej Duda, kam aus der dritten Reihe der polnischen Politik.
Er war Europaparlamentarier, aber da ist Kaczyński clever: Er weiß, dass er die Wahlen nur in der Mitte gewinnen kann. Es gibt in Polen heute keine offen rechtsextreme Partei, ähnlich wie in Ungarn. Ein Mann wie Duda könnte auch in der SPD sein oder der FDP. Ein typischer glatter Politiker, wenn auch überzeugt konservativ. Er spricht die Hausfrau und die Mutter sowie den Geschäftmann an. Kaczyński wusste: So gewinnen wir die Wahl. Es ist traurig, aber es gab links kein Profil mehr. Die PiS konnte ihr eher soziales Programm besser verkaufen als die polnische Linke. Es ist tragisch.

Die alte PO-Regierung war aber ohnehin nicht links, oder?
Die PO ist eine gemäßigte Partei, ähnlich der CDU in Deutschland. Mit einem großen Schuss Neoliberalismus.

Und links davon gibt es nun im Sejm, dem polnischen Parlament, gar keine Partei mehr.
Richtig. Es gibt kein Linksbündnis mehr im polnischen Parlament. Das ist eine Bankrotterklärung der Sozialisten.

Es ist also so, als ob in Deutschland SPD, Grüne und Linkspartei an der 5-Prozent-Hürde gescheitert wären?
So kann man es sagen. Die Polen haben Leuten wie dem ehemaligen Ministerpräsidenten Leszek Miller einfach nicht mehr geglaubt. Es ist aber die Chance für die Linke, sich neu aufzustellen. Es gibt junge Politiker, die Hoffnung machen. In meiner Heimatstadt Słupsk gibt es zum Beispiel einen schwulen Bürgermeister, Robert Biedroń. Seine Wahl war ein großes Ereignis. Er ist ein neues Gesicht der Linken und der erste offen homosexuell lebende Politiker in Polen. Aber das braucht Zeit.

Die PO verfügt über eine absolute Mehrheit im Sejm. Eine linke Partei ist seit Neuem gar nicht mehr vertreten.

An die erste Regierungszeit der Gebrüder Kaczyński hat man in Deutschland keine guten Erinnerungen. Das war … anstrengend. Ist Deutschland für die PiS immer noch ein Feind, der misstrauisch zu betrachten ist?
Antideutsche Parolen haben in der breiten Bevölkerung keine Chance mehr. Polen will sich eher zu einem starken Nationalstaat entwickeln, in dem die Kirche im Hintergrund mitregiert. Der Patriotismus wird vielleicht wichtiger. Frau Merkel wird sich auf ein paar Giftpfeile einstellen müssen. Aber das neue Feindbild in Polen ist der Islam, die Abschottung gegen Muslime ist wichtiger.

Wie fühlen Sie sich als Deutsch-Pole in dieser Situation?
Wenn ich die Grenze nach Polen übertrete, fühle ich mich auf einmal völlig anders. Meine Großeltern haben Zwangsarbeit geleistet im Nationalsozialismus. Meine Tante war in Auschwitz im Lager, sie hat immer noch die Nummer auf dem Arm. Wir sind selbst geflüchtet vor dem kommunistischen Regime. Andererseits kann ich verstehen, dass bei Leuten, die wenig mit Ausländern in Berührung kommen, die Ängste am größten sind. Das gibt es in Dresden oder Frankfurt/Oder ja auch. Die überwiegende Mehrheit hat Angst vor dem Islam. Es könnte noch zu großes Spannungen kommen, wenn es Pflichtquoten von der EU gibt. Das wird die Regierung Kaczyński auf keinen Fall mitmachen. Polen neigt immer dazu zu sagen: Wir sind in der Geschichte immer die Opfer gewesen. Wir sind auf uns allein gestellt. Niemand hilft uns. Wir müssen kämpfen und uns verteidigen vor Invasoren. Speziell in den ländlichen Regionen gibt es viel Armut, und die Unterschiede zu den pulsierenden Großstädten sind enorm.

Nun sind Sie in Deutschland aufgewachsen und leben in Berlin. Sie sind ganz offensichtlich nicht fremdenfeindlich. Werden Sie manchmal ungeduldig mit ihren Landsleuten?
Der Solidaritäts-Gedanke, der in den 80er-Jahren mit Lech Wałęsa und der Solidarnosc-Bewegung stark war, fehlt mir im Moment. Die Polen verstehen gerade nicht, dass wir auch solidarisch sein müssen. Wir können keinen Zaun um unser Land bauen. Es muss klare Regeln geben, aber wir können uns nicht komplett verschließen. Wir können nicht nehmen, aber nichts zurückgeben. Darüber streite ich auch mit vielen Leuten in Polen. Und das ist schwer für mich im Moment. Trotzdem: Polen ist ein gastfreundliches Land und es stört mich, dass ein bisschen mit dem Finger auf uns gezeigt wird. Wo ist die Solidarität der anderen europäischen Länder? England, Italien, Spanien, Frankreich. Wo sind die arabischen Länder? Die sind zum Großteil für die Probleme in der Region verantwortlich. Europa schafft das nur gemeinsam, kann aber nicht die Probleme der Welt lösen.

Marek Fis

Image caption: Marek Fis

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