Krautreporter

Thailand – ein gefährliches Pflaster für Studenten

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Die Unerschrockenen

Es herrscht eine Gluthitze. Die junge Frau trägt eine College-Jacke mit dem Emblem der juristischen Fakultät. Sie läuft vorsichtig in Richtung Universität in einer der größten Städte Thailands, Khon Kaen. Sie hält mehrere Male inne und dreht sich ängstlich um, um sicherzugehen, dass ihr niemand folgt.

Alles ist anderes geworden. Nur die Sonne in einem wolkenlosen Himmel brennt wie eh und je auf die 21 Jahre alte Jutamas Srihutthaphadungkit, Spitzname Ying, nieder.

Alles scheint friedlich. Und das ist das Problem.

„Die meisten Leute nicken, lächeln und sagen, alles ist in Ordnung, aber hinter diesen Fassaden ist nichts in Ordnung“, sagt Ying.

Es ist der Tag nach einer weiteren schlaflosen Nacht.

Sie hat die Schuluniform aus Protest zu Hause gelassen. Die beiden ersten Jahre als Jura-Studentin liefen gut. Dann übernahmen die Streitkräfte die Macht, und plötzlich hatte sie das Bedürfnis, ihren Unmut zu zeigen, etwas zu tun.

"Angst zu haben, ist der Status quo in diesem Land, inzwischen haben wir uns daran gewöhnt“, sagt sie und streicht mit den Fingern durch ihr pechschwarzes Haar.

Studenten begrüßen die Machthaber mit dem
Studenten begrüßen die Machthaber mit dem "Hunger Games"- Zeichen.

Foto: Jonas Gratzer

Eine geteilte Nation

Thailand ist als Land so beliebt wie problematisch, wenn man einmal von den Klischees der Tourismus-Werbung absieht. Denn während sich die Nachrichten auf Iran, Griechenland und die Flüchtlingskrise in Syrien und Europa konzentrieren, hält das Militär eines der beliebtesten Touristenziele der Europäer im Würgegriff. Thailand war lange Zeit ein leuchtendes Beispiel für Demokratie in Fernost. Unter der Diktatur aber fällt der Index für die Pressefreiheit im internationalen Ranking im Rekordtempo.

Auch wenn der Staatsstreich des Jahres 2014 schon der 19. Putsch seit 1932 war – die Demokratie in Thailand kam und ging wie die Gezeiten eines Meeres - ist es diesmal anders.

Offensichtlich wollen die Generäle die politische Landschaft ein für alle Mal verändern. Seit Mai 2014 wurden 751 Personen ins Gefängnis geworfen, wegen „politischer Straftaten“ wurden 4.528 festgenommen, wie die thailändische Organisation iLaw berichtet. Etwas so scheinbar Harmloses, wie beim Mittagessen in aller Öffentlichkeit George Orwells Roman „1984“ zu lesen, kann Grund genug sein für eine Festnahme. Mehrere Häftlinge berichteten von Folter, und zum ersten Mal seit den 1970er Jahren sind Militärgerichte wieder für Zivilprozesse zuständig.

Es gibt drakonische Strafen. Bürger gehen mindestens drei Jahre lang ins Gefängnis für gegen die Militärs gerichtete Graffiti. Bis zu 50 Jahren Haft drohen bei unvorteilhaften Facebook-Beiträgen über die königliche Familie.

Als die Putschisten die Universität in Khon Kaen besuchten, standen Ying und ihre Studenten-Freunde aufgereiht vor der Bühne.

Inspiriert durch den Hollywood-Film „Die Tribute von Panem“ (Hunger Games) hielten sie lautlos drei Finger in die Luft, als Symbol des Protestes der unterdrückten Menschen gegen den Staat, der von Tag zu Tag autoritärer wird.

Das reichte aus, um Hunderte von Polizisten, bewaffnete Fahrzeuge und Sicherheitspersonal auf das Universitätsgelände zu schicken.

„Wir wurden festgenommen und gezwungen, uns einer ‚Verhaltensänderung‘ zu unterziehen. Außerdem mussten wir ein Dokument unterzeichnen, mit dem wir auf unsere Rechte verzichteten und versprachen, nie wieder gegen die Militärdiktatur zu protestieren. Wenn wir es trotzdem machen, drohen uns Strafverfolgung und lange Haftstrafen“, sagt Ying mit ernstem Gesichtsausdruck.

Es ist kaum zu glauben, dass die Militärjunta die junge Studentin, die neben mir auf einer Bank unter Bäumen voller bunter Vögel vor der juristischen Fakultät sitzt, für eine der gefährlichsten Frauen Thailands hält.

"Ich verstehe nicht, warum das, was ich tue, so gefährlich sein soll“, sagt sie.

Sie ist weder böse noch frustriert, aber meistens müde. Es ist eine Müdigkeit, gegen die weder Urlaub noch Erholung helfen. Grund ist der Dauerstress, unter dem sie seit mehr als einem Jahr steht.

Einen Steinwurf vom Eingang der Hochschule entfernt steht ein Mitglied der Dao-Din-Gruppe, in Schwarz gekleidet, als Wache. Jenseits des Parks ist ein weiterer Aktivist, er beugt sich runter und gibt vor, seine Schnürsenkel zu binden.

Auf dem Papier ist Dao Din eine Studentengruppe mit Fokus auf Umweltfragen, die seit den 1970er Jahren bei den Menschen für Recycling und Schutz der natürlichen Ressourcen wirbt. In den Augen der Armee stellt die Organisation eine Bedrohung für König und Vaterland dar.

Ying ist die Sprecherin von Dao Din. Für sie begann alles mit einer Exkursion aufs Land.
„Anfangs habe ich mich nicht um viel gekümmert, da war ich wie viele Studenten. Aber diese Reise aufs Land hat mir die Augen geöffnet, unter welchen Bedingungen die Menschen leben. Danach musste ich etwas gegen die Ungerechtigkeit tun.“

Mit ihren drei Fingern an diesem Tag des Protestes zeigten die Studenten die unterdrückten Gefühle unter der Oberfläche der thailändischen Gesellschaft, und ihr Protest stieß im ganzen Land auf Widerhall.

„Die Behörden beobachten uns. Wir werden ständig überwacht“, sagt Ying.

Einer nach dem anderen kommen die Dao-Din-Mitglieder aus dem Nichts heraus und setzen sich wie eine menschliche Festung um Ying herum. Einige von ihnen tragen Schuluniformen, ordentlich zugeknöpft.

Andere haben die schwarze College-Jacke mit Emblem der Juristischen Fakultät an. Und ein Typ hat lange Haare und Kleidung, die an Che Guevara erinnert - ein Vergleich, den er echt nicht mag. "Wir haben keine internationalen Idole oder Vorbilder. Wir sehen es als unsere Pflicht an, gegen das zu protestieren, was jetzt hier in Thailand geschieht.“

Spannung liegt in der Luft. Zum ersten Mal in zwei Jahren finden eine Wahl der Studentenvertretung an der Universität statt. "Aber man kann nur eine Partei wählen“, erklärt Ying.

Nach langen und zahlreichen Gesprächen entschied Dao Din an jenem Morgen, selbst eine Partei zu gründen. Sie nennen sie „Artikel 44“ nach dem Absatz in der thailändischen Verfassung, der dem Militär unbeschränkte Vollmachten verleiht.

„Unser erstes Wahlversprechen: Keine Schuluniformen - es ist zu heiß. Wir sollten anziehen können, was immer wir wollen. Ich kenne keinen wissenschaftlichen Beweis, dass eine Uniform das Lernen verbessert. Und ich kaufe niemanden das Argument ab, dass eine Uniform die Kluft zwischen reichen und armen Studenten verringert. Schauen Sie sich doch um! Einige Eltern müssen ihren Schmuck verpfänden, um sich die Schuluniformen für ihre Kinder leisten zu können. Ist das akzeptabel?“, fragt Ying. Die anderen nicken zustimmend.

Ein weiteres Versprechen, mit dem die Studenten zur Wahl antreten, ist: „Wir sagen Nein zum Mobbing.“

"Die Älteren müssen aufhören, die Jüngeren zu quälen“, erklärt Ying.

Ein drittes Problem liegt in der Luft, bleibt aber für einen Moment unausgesprochen.

„Und wir wollen natürlich die Militärherrschaft beenden“, sagt Ying schließlich. „Der Kern unserer Kampagne ist es, die Macht wieder den Bürgern zurückzugeben.“

Die Dao-Din-Gruppe hat nicht versucht, ihren „Artikel 44“ formal vor der Wahl zuzulassen. Um eine Partei genehmigt zu bekommen, müssen Studenten beweisen, dass sie „Moral“ und gute Noten haben. „Wer hat für so etwas Energie?“, fragt Ying. „Wir haben unsere Kampagne gerade erst begonnen.“

Auf die Frage, wie gewählt wird, antwortet Ying, es sei kompliziert, verspricht aber, es mir zu zeigen. „Kommen Sie mit“, sagt Ying und steht auf.

"Richtige Wahlen müssen so bald wie möglich stattfinden", fordert Noi.

Foto: Jonas Gratzer

Der Wahlkampf

Man könnte sagen, dass Meinungsunterschiede und Polarisierung in Thailand nichts Neues sind. Im Lauf des vergangenen Jahrzehnts gab es fette Überschriften und Filmmaterial von Rothemden gegen Gelbhemden, die in den Straßen kämpfen, von Ausschreitungen und brennenden Reifen vor den großen klimatisierten Einkaufszentren.

Nach dem vorletzten Staatsstreich im Jahr 2006 wurde der gewählte Ministerpräsident Thaksin Shinawatra vertrieben. Seither tobt der Machtkampf zwischen den königstreuen Gelbhemden, die eine sachkundige Regierung wollen, und den Rothemden, die verlangen, dass die Wahlergebnisse respektiert werden.

Auch wenn fast 3.000 Menschen im fortwährenden „Krieg gegen Drogen“ während Thaksins Herrschaft starben, gewann er vor allem in den nördlichen Teil des Landes große Beliebtheit - durch eine Gesundheitsreform, durch die Unterstützung kleiner Unternehmen und dadurch, dass er Bauern aus ländlichen Gebieten nicht als Bürger zweiter Klasse behandelte.

Kurz gesagt führte der Millionär Thaksin Shinawatra etwas Neues in die thailändische Politik ein - die Wähler zu fragen, was sie wollen, und es ihnen dann zu geben.
Der ländliche Raum außerhalb von Khon Kaen ist als Hochburg der Rothemden bekannt. Thaksins Milliarden-Dollar-Investitionen in der Region für Reissubventionen und lokale Gesundheitszentren machten ihn ungeheuer populär. Dort wurden Züge nach Bangkok von den Rothemden während der Proteste im Jahr 2011 gestoppt und Regierungsgebäude in Brand gesetzt.

Es ist auch die Region, die am stärksten unter den Militärmachthabern nach dem Putsch zu leiden hatte. Kurz nach dem Mai 2014 wurde Jatuporn Prompa, Vorsitzender der Rothemden, inhaftiert und erst freigelassen, nachdem die Roten die schriftliche Zusage gemacht hatten, sich aus der Politik zurückzuziehen. Alle Radio- und TV-Stationen der Rothemden, Zehntausende von Internetseiten wurden im vergangenen Jahr blockiert.
Derzeit werden 26 Aktivisten verfolgt. Ihnen wird vorgeworfen, einen Terroranschlag zu planen, was sie bestreiten und als erfundene Beschuldigung zurückweisen.

Mit eiserner Faust wird das Kriegsrecht durchgesetzt. Es verbietet jegliche Menschenansammlung auf öffentlichen Plätzen.

Es gibt noch eine andere Erklärung dafür, warum die Städte und Dörfer im Norden politische Brutstätten sind: Viele, die dort leben, haben lange in Bangkok gearbeitet und sind in die Hauptstadt gependelt.

Während der Hochsaison arbeiten viele der Frauen aus diesen ländlichen Gebieten in den Ferienorten, und viele der Männer fahren Taxi in Bangkok. Danach gehen sie wieder nach Hause. Damit sind die Menschen in der Nordhälfte Thailands der Agrargesellschaft verbunden, tauchen aber immer wieder in das pulsierende Stadtleben ein.

Das heutige Thailand ist entlang Bruchlinien der sozioökonomischen Klassen und der Städte geteilt. Die obere Mittelklasse, oder alle die, die weder Taxifahrer noch Bauer sind, erklären in der Regel, dass sie lieber eine Diktatur wollen als eine Demokratie, die ständig von Protestbewegungen infrage gestellt wird.

Die Elite in Bangkok, verbunden mit der gelben „Demokratischen Partei“, sieht Thaksin und seine ungebildeten Bauern als Bedrohung für die alte Ordnung. Aus welchen Grund auch immer, alle sind sich einig, dass der Staatsstreich im vergangenen Mai wirkungsvoll sowohl die Proteste auf den Straßen als auch den politischen Dialog gestoppt hat. Es wurde still.

Totenstill.

Niemand sprach darüber, dass Politiker ihre Handys in den Fluss geworfen und ihre roten Hemden verbrannt hatten. Oder über zensierte Medien und geschlossene Radiosender. Bis plötzlich Studenten es leid waren, Angst zu haben, und das Schweigen durchbrachen, indem sie drei Finger hochhielten.

Rosa Plakat am Schwarzen Brett vor dem Wahllokal:
Rosa Plakat am Schwarzen Brett vor dem Wahllokal: "Nein zur Militärdiktatur."

Foto: Jonas Gratzer

Die Erwartungen

Es liegt Spannung in der Luft, als die Dao-Din-Gruppe zum Wahllokal geht. Die Mitglieder fordern alle Studierende, die sie auf dem asphaltierten Weg durch den üppig bewachsenen Campus treffen, auf, gegen die Diktatur zu stimmen und so indirekt ihre Stimme der neuen Partei „Artikel 44“ zu geben.

"Es ist von großer Bedeutung für die Demokratie, dass ihr euer Stimmrecht ausübt. Kein Kästchen ankreuzen, nur ein ‚Nein zur Militärdiktatur‘ auf den Stimmzettel schreiben, damit er ungültig wird“, ruft Ying den Vorbeigehenden zu.

Die meisten tun so, als würden sie das nicht hören. Sie eilen mit Büchern unterm Arm vorbei. „Vor dem Putsch haben sich die meisten Menschen nicht für Politik interessiert, und die Situation hat sich danach nicht geändert“, sagt Ying.

"Viele wissen gar nicht, was es bedeutet, dass das Militär nun die Macht hat. Es kümmert sie nicht. Es ist etwas unangenehm, wenn man bedenkt, dass wir in einer Hochschule studieren, in der unsere Klassenkameraden die künftigen Juristen und Politiker in Thailand sind“, ergreift Noi das Wort.

Aber die Dao-Din-Mitglieder bleiben zuversichtlich. Sie glauben, dass sie an der Universität stille Befürworter haben. Und sie verstehen, dass nicht jeder bereit ist, für seine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. Der Preis für Protest kann hoch sein. Das Militär kann plötzlich bei den Eltern an die Tür klopfen und fragen, wie sie ihre Kinder großgezogen haben.

„Wir wissen, dass uns viele in der Fakultät unterstützen, aber sie können es nicht offen zeigen. Es ist zu gefährlich“, sagt Ying.

Eine Minute später stehen wir vor einem Schwarzen Brett. Nach kurzem Zögern klebt Ying ein rosa Plakat in DIN-A-4-Größe an, auf dem ein Ende der Militärherrschaft verlangt wird. Die Studierenden kommen hier auf dem Weg zu den Wahlurnen vorbei.

„Ich vermute, zwei Minuten“, sagt Ying.

Andere hoffen auf fünf. Die Frage ist, wie lange das Plakat am Schwarzen Brett bleiben wird, spaltet die Gruppe für einen Moment in zwei Lager. Doch dann sind sie sich wieder einig: Das Wichtigste ist, ein Bild von dem Plakat zu machen, bevor es entfernt wird.
Dao Dins Facebook-Gruppe hat 20.000 Follower.

"Der militärische Nachrichtendienst liest alles, und nach seiner Meinung sind wir eine Bedrohung für die nationale Sicherheit“, sagt Ying.

Drei aus Yings Gruppe stehen vor dem Schwarzen Brett. Sie zögern einen Moment, wie Menschen, die Schnick-Schnack-Schnuck spielen und dem Gegner nicht zu früh verraten wollen, ob sie Schere, Stein oder Papier wählen. Dann zählen sie bis drei, sehen sich an, und halten triumphierend drei Finger hoch: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

„Ich sollte jetzt wirklich für Prüfungen lernen“, sagt Ying und lacht. “Ich habe wirklich keine Zeit für diese Diktatur.“

Sobald sie sich umdrehen, wird das rosa Plakat von einem Mann in Zivilkleidung und mit schwarzer Sonnenbrille vom Brett gerissen. Es hat nicht einmal eine Minute gedauert.

Als das Militär die Macht übernahm, wusste Noi, sie muss  jetzt handeln.
Als das Militär die Macht übernahm, wusste Noi, sie muss jetzt handeln.

Foto: Jonas Gratzer

Ein Festival für die Demokratie

Während sie auf die Wahlergebnisse warten, schlendern die Dao-Din-Mitglieder zu einem nahegelegenen Café. Abgesehen von dem Problem, unter einem autoritären Militärregime zu leiden, ist das Leben der Studenten nicht anders als das ihrer Kommilitonen: Prüfungen, verknallt sein, Musik und Partys.

„Wir trinken jeden Tag. Das Ziel ist, sich zu betrinken“, sagt einer von Yings Freunden. Er summt den Titelsong aus dem Film „Les Miserables“: "Hörst du die Leute singen? Sie singen das Lied von wütenden Menschen. Das ist die Musik von Menschen, die nicht länger Sklaven sind.“

In Thailand durften die Kinos diesen Film nicht zeigen. Studenten, die das Lied in der Öffentlichkeit gesungen haben, wurden zum Verhör gebracht. Deshalb summen sie das Lied nur noch. Kein Text.

"Draußen können wir es nicht mehr singen“, sagt Ying.

Das Plakat aufzuhängen und die Studenten aufzufordern, „Nein zur Militärdiktatur“ auf den Wahlzettel zu schreiben statt ein Kreuzchen im vorgesehenen Kästchen zu machen, ist ein großes Glücksspiel. Nachdem sie eine Weile auf das Ergebnis gewartet haben, ist die Entschlusskraft verschwunden, Zweifel hat sich breitgemacht.

Niemand weiß, wie viele Menschen es wagen werden, sich gegen das System zu stellen. Und niemand weiß, wie die Wahlbeamten reagieren werden. „Wir müssen etwas tun. Es muss nicht einen durchdachten Plan geben, aber wir müssen etwas tun“, sagt Noi, wie um sich selbst zu überzeugen, während sie an ihrem Kaffee nippt.

Noi trägt ein T-Shirt mit einem roten Stern auf der Brust.

„Wir sind von Che Guevara und seiner Gruppe inspiriert. Vielleicht haben sie deshalb Angst vor uns. Aber wir sind keine Kommunisten. Die alte Generation legt den Stern so aus, aber wir nicht. Wir haben unsere eigenen Überzeugungen“, sagt Noi.

Es wird wieder still.

Unsere Unterhaltung konzentriert sich jetzt auf die Tatsache, dass Lila das neue Gelb ist. Dass die Royalisten die Farben von Königin Sirikit Kitiyakara verwenden, anstelle des Gelbs von König Bhumibol Adulyadej. Und das größte Tabu, über das wir nicht sprechen dürften und über das ich nicht schreiben darf: Gedanken über seine königliche Majestät. Die anderen sind stumm. Dieses ständige Schweigen trägt jeder mit sich herum wie eine schlimme Krankheit.

"Das Militär hat Waffen und Gefängnisse. Darum schweigt jeder in Thailand. Oberflächlich gesehen, handeln die Menschen so, als ob alles in Ordnung wäre. Die ältere Generation hat viel zu verlieren, nicht aber wir Studenten. Wir haben nichts zu verlieren“, sagt Noi.

Einige Studenten stehen auf und bewegen sich in Richtung der Stufen vor dem Wahllokal, wo die Stimmen öffentlich ausgezählt werden.

„Ich habe keine großen Erwartungen, so werde ich nicht enttäuscht, aber ich bin nervös. Ich bin immer nervös, wenn man bedenkt, was wir zu verlieren haben“, sagt Noi und verstummt. Der Wind frischt auf, der Himmel ist grau, und die Luft riecht wie immer vor einem Regenguss.

Etwa 100 neugierige Studenten warten schon am Wahllokal.

"Ich habe keine große Hoffnung, und es macht eigentlich keinen großen Unterschied. Aber als Prinzip ist es wichtig, ‚Nein zur Militärdiktatur‘ auf den Wahlzettel geschrieben zu haben. Man sollte immer wählen, auch wenn es nur einen Kandidaten gibt“, sagt Noi und nimmt den letzten Schluck ihres inzwischen kalten Kaffees.

Der matte, bedrohliche Klang der Trommeln der Dao-Din-Mitglieder hallt durch die Universitätsgebäude. Das Murmeln der Gruppe von Studenten, die gemeinsam auf das Wahlergebnis warten, steigt nach oben in die Bäume. Dann schweigen sie, hören zu, als ein ernst dreinblickender Mann in einem rosafarbenen durchgeknöpften Hemd und schwarzen Schuhen auf den Stufen vor der drei Stimmkästen erscheint.

„Von den 1.050 Studenten, die als Wähler registriert sind, haben 250 ihr Wahlrecht ausgeübt und abgestimmt“, beginnt er. Noi grinst und kommentiert sarkastisch: “Ja, warum jetzt abstimmen, wenn Du die Chance hast, in 20 Jahren wieder wählen zu gehen.“ Der Mann beginnt, die Stimmzettel auszuzählen. Die Dao-Din-Mitglieder setzen sich zusammen an einen Tisch.

Es ist eine Wahlparty der anderen Art. Der asphaltierte Hof ist fast leer. Ist dies ein verräterisches Zeichen für die demokratischen Möglichkeiten in Thailand bei Kommunalwahlen? Dann ist es darum schlecht bestellt. Die Wahl wurde erst 24 Stunden im Voraus angekündigt. Deshalb wussten wenige davon.

Eines der sieben Dao-Din-Mitglieder starrt auf den ersten Wahlbehälter, der dort steht. Einer von ihnen hat Trommeln mitgebracht wird, ein anderer eine Gitarre. „Wir werden versuchen, diese manipulierte Wahl zum Anlass zu nehmen, ein Fest der Demokratie zu machen“, sagt einer der Studenten.

Es sieht nicht vielversprechend aus.

Der erste Wahlbehälter wird ausgezählt, geprüft und als Votum für den einzigen Kandidaten zugelassen. Der zweite Wahlbehälter wird dem gleichen Verfahren unterzogen. "Unterstützt, unterstützt, unterstützt“, ruft der Wahlbeamte aus und macht Häkchen auf einer Tafel.

Minuten gehen vorbei. Der einzige Kandidat bekommt Stimme auf Stimme. Alle warten darauf, was geschieht, wenn es einen ungültigen Wahlzettel gibt. Wird der Wahlbeamte den Text auf dem Wahlzettel vorlesen? Oder wird er die Stimme nur für ungültig erklären?

„Autorisierte Stimme für den Kandidaten, autorisierte Stimme für den Kandidaten“, wiederholt der Mann im rosafarbenen Hemd. Der dumpfe Schlag einer Handfläche auf der Trommel begleitet seine monotone Ansage. Die Studenten werfen sich zweifelnde Blicke zu. Zumindest sie müssen es gewagt haben, „Nein zur Militärdiktatur“ auf den Stimmzettel zu schreiben. Oder?

„Autorisierte Stimme für den Kandidaten, autorisierte Stimme für den Kandidaten...“

Am Fuß der Treppe steht der Mann in Zivil, der ihr rosa Wahlplakat abgerissen hat, und macht mit seinem Handy Bilder der Dao-Din-Mitglieder.

Und dann hält der Mann im rosafarbenen Hemd plötzlich inne. Mit Daumen und Zeigefinger drückt er fest auf den Stimmzettel und zögert für den Bruchteil einer Sekunde. Dann sagt er im gleichen monotonen Tonfall: „Nicht autorisierte Stimme!“ Und schnappt sich einen neuen Wahlzettel, so schnell, wie eine Kobra zustößt. Und liest weiter.

„Autorisierte Stimme für den Kandidaten, autorisierte Stimme für den Kandidaten...“

Aber der Bann ist gebrochen.

Die sieben Verschwörer springen von der Bank auf und schreien sich die Lunge aus dem Hals. Sie umarmen sich, sie springen aufgeregt hin und her.

Der Mann schlägt die Trommel lauter, von der Gitarre hört man immer schwierigere Riffs. Die „Nicht autorisierte Stimme“ liegt in einer Metall-Box im Hintergrund. Der Jubel kennt keine Grenzen.

Es dauert eine Weile, bis wieder Ordnung hergestellt ist. Aber die Stimmung hat sich für immer verändert.

Und gerade, als sich alles beruhigt hat, taucht die nächste unautorisierte Stimme auf.

Und noch eine.

Und noch eine.

Die Zahlen an der Tafel nahe der Tür steigen. Die Wahlbeamte verliert kein Wort darüber, was auf den Zetteln steht, die er für ungültig erklärt. Sie verschwinden einfach in der Dunkelheit der Blechdose.

Aber jeder weiß es: „Nein zur Militärdiktatur.“

Eine Stunde später sind alle Stimmen ausgezählt und aufgezeichnet. Nachdem der Wahlsieger verkündet ist, nimmt der Beamte die Dose und geht mit den 15 hochbrisanten Stimmen davon.

Auf der Tafel steht Weiß auf Schwarz nur, dass 168 Studenten für den einzigen Kandidaten und 33 gegen ihn gestimmt haben.

Die Überreste der Siegesfeier in der Wohngemeinschaft.
Die Überreste der Siegesfeier in der Wohngemeinschaft.

Foto: Jonas Gratzer

Die Hauptquartiere

Ungefähr eine halbe Stunde schnelle Moped-Fahrt entfernt von der Universität in Khon Kaen steht ein bescheidenes zweistöckiges Haus.

Es wäre Schönfärberei zu sagen, dass hier Messies wohnen. Wenn man hereinkommt, sieht es aus, als ob jemand eine Handgranate in einem bereits schäbigen Schlafsaal geworfen hat: Bierflaschen, schmutzige Kleidung und zerbrochene Plastikstühle sind nach der gestrigen Party über die Zimmer verteilt. Ein verschlafenes Gesicht schaut aus einer Tür, zwei Hunde rennen herum. In den Ecken stehen Säcke mit Bio-Reis, die die Studenten zugunsten der Bauern in der Region verkaufen. Auf den Säcken kleben Etiketten mit dem Namen der Bewegung: Dao-Din-Reis. Ein Student nimmt einfach einen Wasserschlauch und spritzt einen Tisch und ein paar Korbstühle ab.

Die Geschichten über die Partys in der vergangenen Nacht scheinen wahr zu sein.

Sie sind ein rastloser Haufen. Sie sind ständig in Bewegung, überprüfen ihre Handys und schicken sich Nachrichten. Ying und Noi setzen sich hin und sammeln Zecken von zwei Hunden ab. Die Jungs reinigen Flaschen und graben Bierkapseln aus, die in den Dreck getreten wurden. Auf dem Gefrierschrank mit dem Eis fürs Bier ist ein Aufkleber: „Chill for Peace“, es gibt andere Aufkleber, die für Protestorganisationen werben, für Maßnahmen gegen Dammbauten und für die Rechte der lokalen Bürger zu fischen und landwirtschaftliche Flächen zu nutzen. Auf einem ausgefransten Banner steht: „The Poor People’s Network.“ In einer Ecke liegt ein Haufen Flugblätter mit dem Text: „Nein zur Privatisierung der Universität.“

Nachdem die Studenten einen Platz zum Sitzen aufgeräumt haben, analysieren sie die Wahl. "In gewisser Weise hat, wie erwartet, der einzige Kandidat gewonnen. Aber 15 ungültige Stimmen waren mehr, als wir zu hoffen gewagt hatten. Es ist eine große Sache, dass so viele gewagt haben, 'Nein zur Militärdiktatur' auf ihre Stimmzettel zu schreiben“, sagt Noi.

Draußen sausen zwei Mopeds vorbei, gefahren von Männern mit Helmen mit dunklen Visieren. Es gibt hier wenig Verkehr.

Vor dem Staatsstreich organisierten die Dao-Din-Mitglieder Exkursionen in ländliche Gebiete, um mehr über die Situation der Bauern zu lernen. Aber jetzt hat das Militär diese Reisen verboten. Auf dem Tisch stehen Fotos von einigen dieser Trips – Kilometer über Kilometer an Reisfeldern und barfüßige Landwirte, die im Wasser der Felder stehen.

Die Bilder sehen aus wie aus einer Galerie, aber sie zeigen das Epizentrum der politischen Unruhen und Proteste, die Thailand in den vergangenen zehn Jahren erschüttert haben. In den ländlichen Gebieten außerhalb von Khon Kaen haben die Dorfbewohner seit Generationen gegen Holz- und Bergbau-Unternehmen und gegen persönliche Diskriminierung gekämpft.

Vor dem Putsch zogen ganze Karawanen von Autos mit Demonstranten nach Bangkok, aber jetzt hat das aufgehört.

Noi und ich gehe nach draußen. Ihre Gedanken drehen sich um eine bevorstehende Reise nach Mexiko. „Wir haben in den Nachrichten erfahren, wie Bauern dort gegen die Bergbauunternehmen kämpfen“, erklärt Noi. An der Wand hinter ihr hängt eine von der Sonne verblasste Urkunde, die Dao Din vom Kronprinzen für die Arbeit im Umweltschutz erhalten hat. “Wir haben gezögert, bevor wir sie angenommen haben, aber wir brauchten das damit verbundene Geld, um uns in den ländlichen Gebieten über die Bedingungen zu informieren, unter den die Menschen dort leben“, sagt Noi.

Neben der Urkunde hängt ein alter Reinigungsplan – wer muss die Pflanzen gießen, wer den Abwasch machen und wer den Müll rausbringen. Der Klang von Bierkapseln, die gewaschen werden, ist im Hintergrund zu hören. Alles wird recycelt und zu Kunst, kann auf dem lokalen Markt verkauft werden, um die Reisekasse für Mexiko aufzufüllen.

Noi sagt mir, sie sei die erste aus einer Familie von Reisbauern, die eine Ausbildung macht. "Als ich in den Ferien nach Hause kam und meiner Familie von der Idee mit dem ökologischen Landbau berichtete, wurden sie wütend und sagten: ‚Wir haben dich nicht auf die Universität geschickt, damit du Bauer wirst‘“, berichtet sie und muss so heftig lachen, dass sie ihre Brille auf ihrem schwarzen T-Shirt abwischen muss.

In einem Land, wo der Status alles bedeutet, ist das erste, was man neue Freunde fragt, wo sie herkommen und welche Schulen sie besucht haben. Jede soziale Wechselbeziehung wird durch den sozioökonomischen Status, die Herkunft und die Dunkelheit der Haut bestimmt. Noi gesteht, dass sie sich immer dafür geschämt hat, aus einem Dorf namens Issan zu stammen. Ihre Familie und Freunde hätten sich immer an den Rand gedrängt gefühlt.

„Ich denke, es liegt am TV. Jeder, der aus Issan ist, ist Dienstbote oder Reinigungskraft. Ich habe immer gesagt: ‚Ich bin aus Thailand‘, aber in der Schule haben die Leute immer gefragt, ob ich aus Thailand oder Laos bin“, sagt Noi, mit Blick auf ihre Zehen in den roten Sandalen. Sie schiebt ihre Brille auf die Stirn.

Der Wendepunkt kam, als sie Dao Din beitrat und anfing, mit anderen Studenten über Politik zu reden. Sie verstand dann, dass es andere gab, Studenten aus anderen Teilen Thailands, die im gleichen Boot wie sie saßen. „Der Staat hat beschlossen, dass es schlecht ist, aus den nördlichen (ländlichen) Teilen zu kommen, und dass ein wirklicher Thai überlegen ist. Aber es gibt keine wirkliche Definition dessen, was ein Thai ist, sie verbreiten vor allem Lügenmärchen“, sagt sie.

Als Noi das letzte Mal zu Hause war, fragte sie ihre Eltern geradeheraus nach ihrer Herkunft und erfuhr, dass die Familie ihre Wurzeln in Laos hat, dem Nachbarstaat im Norden. „Jetzt bin ich stolz darauf. Diejenigen, die aus der Provinz Surin sind, bekamen immer gesagt, sie seien Kambodschaner und mehr Khmer als Thai. Das scheint auch für alle zu gelten, die nicht aus Bangkok sind. Der thailändische Staat zwingt uns, unsere Identität zu löschen und sie mit 'Thainess' zu ersetzen, aber das wäre falsch“, sagt sie.

Das Interview wird von einer Katze unterbrochen, die auf den Tisch springt und sich gegen Noi reibt. Ein Gewitter zieht auf, die Wolken werden von Minute zu Minute dunkler. Der Wind wird stärker, und die Blätter rauschen. Herumlaufende Hühner suchen Deckung.

Noi fischt ihr Mobiltelefon heraus und schaut sich die thailändische Version von „Wer wird Millionär“ an. Handy-Bildschirme beleuchten die Gesichter. Einige von Thailands gefährlichsten Menschen schauen Noi über die Schulter und frösteln im Regen, der gerade eingesetzt hat. „Unsere Generation muss etwas tun, um die Situation zu ändern, aber das bedeutet nicht, dass wir es für das Land tun, wir tun es für uns selbst. Wenn das einfach geschehen lassen, müssen wir in einer Diktatur leben, vielleicht für den Rest unseres Lebens, und ich will das nicht“, sagt Ying.

Die Tatsache, dass ausgerechnet Jurastudenten die Streitaxt ausgraben, versteht man dann, wenn man weiß, dass nur die juristische Fakultät ihrer Universität Exkursionen in ländliche Gebiete macht.

Ein Blitz erleuchtet den Himmel, eine Sekunde später folgt das Donnergrollen.

„Schreiben Sie, dass wir wollen, dass die Stille ein Ende hat, dass mehr Menschen Verantwortung für ihre Gesellschaft übernehmen und etwas tun. Im Moment laufen wir Gefahr auszusterben. Leute wie wir werden in Thailand immer erschreckend weniger“, sagt Ying.

Obwohl sie um das Risiko wissen, verhaftet zu werden und im Gefängnis zu landen, weil sie ein politisches Treffen mit mehr als fünf Personen organisiert haben, plant die Gruppe eine neue Kundgebung. „Das ist größer als wir. Sobald die Prüfungszeit vorbei ist, werden wir wieder demonstrieren“, sagt Noi und klopft mit drei Fingern auf den Tisch.

Freude über 15 Mal
Freude über 15 Mal "Nein zur Militärdiktatur"

Foto: Jonas Gratzer

Der General

General Prayuth Chan-ocha, Thailands selbsternannter Ministerpräsident und Anstifter des Staatsstreichs, erscheint am Rednerpult. Er schnappt sich das Mikrofon mit ruhiger Hand und schielt in Richtung Menschenmenge durch das Rampenlicht. Er macht einen großen Atemzug, bereit, vor einem Publikum aus Hunderten von Medienvertretern aus der ganzen Welt eine Rede zu halten.

Erst vor einem Monat hatte Prayuth damit gedroht, „kritische“ Journalisten von einer Todesschwadron hinrichten zu lassen.

"Glauben Sie nicht alles, was Sie in den Zeitungen lesen“, setzt er an.

Die Journalisten hören auf zu essen und schauen hoch. Gabeln und Messer klirren auf Porzellanteller. Die Kellner erstarren, und im riesigen Konferenzraum in einem Fünf-Sterne-Hotel im Zentrum von Bangkok wird es totenstill.

Man hatte gemunkelt, dass der General, über den jeder flüstert, zur größten Pressekonferenz der Region kommen wird. Plötzlich ist da die Gelegenheit, die Person an der Macht zu fragen, warum Studenten im Norden festgenommen wurden.

"Sie mögen mich für schwierig halten, aber Sie müssen zuhören, was ich zu sagen habe. Seien Sie keine solchen negativen Neinsager, wie die von den Menschenrechtsorganisationen“, sagt der General und zerstört die Hoffnung, dass Fragen zugelassen werden.

Alles, was er will, ist ein „glückliches“ Thailand. Er wiederholt, was er bereits in jeder Rede gesagt hat, seitdem er die Macht übernommen hat. „In meinem politischen Projekt geht es um die Einführung von ‚nachhaltigem Glück‘ in Thailand.“ Darum hat die Armee Feste mit Musik, Essen und Trinken, kostenlosen Haarschnitten arrangiert. Und darüber hinaus hatte der General guten Geschmack dadurch beweisen wollen, dass er seine „Glücks“-Botschaft in einem selbst komponierten Pop-Song vermitteln lässt. „Einige Leute mögen mich nicht, andere schalten den Fernseher aus, wenn ich spreche. Aber ich weiß, was du tust, ich folge dir überall hin“, fügt er hinzu.

Die Journalisten vor Ort lachen nicht.

„Ich bin nicht Ihr Feind“, fährt der General fort, als ob er die Gedanken der Journalisten lesen könnte.

Er hat eine Menge zu sagen und zu erklären, jetzt, wo er die Möglichkeit hat, ohne Unterbrechung zu sprechen, über seine Pläne für die Zukunft, das Wirtschaftswachstum und darüber, warum die Dinge so sind, wie sie in Thailand eben sind. Er hat so viel zu sagen, mit einer solch monotonen Stimme und so schnell, dass der Dolmetscher verzweifelt die Arme hebt. Der General sieht die Panik des Dolmetschers und steigert sein Tempo noch. Passive aggressive Rhetorik in einem sarkastischen Tonfall.

„Ich habe nie, nie eine TV-Station oder eine Zeitung geschlossen, ich respektiere Sie, aber Sie müssen in Ihrem eigenen Haus Ordnung halten. Ich schikaniere niemanden, ich respektiere Ihre Aufträge, aber Sie müssen unser Land unterstützen“, sagt er.

Das gesamte internationale Pressekorps, darunter auch ich, fühlt sich unwohl, hofft, dass wir eine Art politischer Satire erleben.

Dann ermutigt er unerwartet alle Journalisten, mit Thai Air zu fliegen. „Weil die Flugbegleiter so schön sind, oder es zumindest waren… in der Vergangenheit wurden sie gefeuert, wenn sie älter wurden.“ Mein Tischnachbar verschluckt sich fast an seinem Essen.

Als die Organisatoren zu signalisieren beginnen, die Zeit sei abgelaufen, ernten sie ein höhnisches Grinsen. "Was? Meine Zeit ist abgelaufen? Oh nein, ich bin noch nicht fertig. Ich habe noch mehr zu sagen“, erklärt er und redet noch schneller. Der Dolmetscher sieht sich gezwungen, die Bühne zu verlassen, erschöpft. Ein neuer Übersetzer wird geholt, gerade rechtzeitig, um an die neue Version der Predigt über die vermeintliche Freiheit der Presse anknüpfen zu können.

Und dann, abrupt, beendet der General seine Ausführung mit der Frage, ob jemand irgendwelche Fragen hat. Und bevor irgendeiner die eine Chance hat, tatsächlich eine Frage zu stellen – vielleicht über die inhaftierten Studenten – erklärt er rasch: „Das ist genug für heute.“ Und weg ist er, genauso plötzlich, wie er gekommen ist.

Können die Studenten den Weg aus der politischen Sackgasse zeigen?
Können die Studenten den Weg aus der politischen Sackgasse zeigen?

Foto: Jonas Gratzer

Die Eingesperrten

Einen Monat später bekam ich die Nachricht auf dem Handy.

Sieben Mitglieder von Dao Din sind verhaftet worden, weil sie am ersten Jahrestag des Staatsstreichs freie Wahlen gefordert haben.

"Versuchen Sie nicht, mich zum Narren zu halten und mich glauben machen, dass man nicht sagen oder tun kann, was man will, ‚weil Thailand doch eine Demokratie ist‘. Sie scheinen die Situation misszuverstehen. Heute mache ich die Regeln, und Sie müssen meinen Regeln folgen“, erklärte Prayuth.

Aber dieses Mal sind die Verhaftungen nicht stillschweigend geschehen. In ganz Thailand versammelten sich junge Menschen an den Universitäten und verlangten, dass die Gefangenen sofort freigelassen werden. Immer mehr Menschen sehen die Studenten als eine Kraft, Thailand aus der politischen Sackgasse zu holen. "Unsere Botschaft ist, dass wir lieber im Gefängnis bleiben, als Kaution zu zahlen, da wir uns auch außerhalb dieser Mauern als Gefangene sehen“, ließen die Dao-Din-Studenten über ihr Anwalt erklären.

Die Gefangenen wurden festgenommen wegen „Anstiftung zur Unruhe in einer Weise, die die nationale Sicherheit Thailands bedroht“.

Hunderte von Demonstranten versammelten sich vor dem Gefängnis und forderten die Freilassung der Studenten. Es ist ein Durchbruch. Die Unabhängigkeit der Dao-Din-Mitglieder, die frei von Verbindungen mit politischen Parteien, roten oder gelben Hemden sind – macht Unterstützung sowohl von Stadtbewohnern als auch von Einwohnern ländlicher Gebiete möglich. Das Militär war vor Ort, in Uniform und in Zivil, ging aber nicht gegen die Demonstranten vor, obwohl die Versammlung gegen das vom Militär auferlegte Gesetz verstieß, wonach sich nicht mehr als fünf Personen an einem öffentlichen Ort versammeln dürfen.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit hat General Prayuth freie Wahlen vor Ende des Jahres versprochen, um die internationale Kritik abzuschwächen. Kommt dann Thaksin erneut an die Macht? Das politische Klima hängt auch von der Frage nach der Gesundheit des alternden Monarchen Bhumibol Adulyadej ab. Der Machtkampf, den viele für den Fall seines Todes vorhersagen, ist bereits mit voller Kraft im Gange.

Am 8. Juli wurden die sieben Mitglieder der Dao-Din-Gruppe aus dem Gefängnis entlassen. Sie sind jetzt eine enge Einheit unter einem neuen Namen, „Thai 14“ und Mitglieder der frisch gegründeten Neuen Demokratiebewegung (NDM).

„Das Gefängnis ist kein gefährlicher Ort, nur ein langweiliger Ort. Haben Sie keine Angst davor. Wir müssen nur fürchten, dass die Militärdiktatur unsere thailändische Gesellschaft weiter tyrannisiert“, sagten sie auf den Stufen des Gerichtsgebäudes.


Das Aufmacherbild von den thailändischen Studenten hat - wie die anderen Bilder auch - Fotograf Jonas Gratzer gemacht.
Das Aufmacherbild von den thailändischen Studenten hat - wie die anderen Bilder auch - Fotograf Jonas Gratzer gemacht.
Autor Martin Schibbye arbeitet von Stockholm aus in der ganzen Welt. Während eines Einsatzes in Äthiopien im Jahr 2011 wurde er festgenommen und für 438 Tage ins Gefängnis gesteckt.
Autor Martin Schibbye arbeitet von Stockholm aus in der ganzen Welt. Während eines Einsatzes in Äthiopien im Jahr 2011 wurde er festgenommen und für 438 Tage ins Gefängnis gesteckt.
Das Blank Spot Project ist ein Online-Magazin für Reportagen und Berichte aus der ganzen Welt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Geschichten, die andere nicht aufgreifen.  Als Martin Schibbye aus dem Gefängnis in Äthiopien freigelassen wurde, flüsterte ihm ein Mitgefangener zu:
Das Blank Spot Project ist ein Online-Magazin für Reportagen und Berichte aus der ganzen Welt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Geschichten, die andere nicht aufgreifen. Als Martin Schibbye aus dem Gefängnis in Äthiopien freigelassen wurde, flüsterte ihm ein Mitgefangener zu: "Erzähle der Welt, was du gesehen hast."
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