Atemlos durch die Macht

Atemlos durch die Macht

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Ein Tag vor der Wahl. Ein anonymer Anruf. Erinnerst du dich an diese Sexparty? Ich habe ein Video davon. Bis dahin lief alles nach Plan für Carsten Körber. Studium Politikwissenschaft. Eintritt in die CDU. Lokalpolitiker im Ehrenamt.

Ausgerechnet jetzt will ihm jemand ans Bein pinkeln. Wahrscheinlich hat der Erpresser aus der Zeitung davon erfahren, dass Körber zum Chef der Wirtschaftsförderung der Stadt Zwickau gewählt werden soll. Da ist er gerade 32 Jahre alt, Shootingstar der regionalen Christdemokraten. Scheiße. Zahlen oder blamieren?

Es ist die Geschichte von einem, der auszog, Politiker zu werden. Oder es ist die Geschichte von einem, den die Politik in ihr Netz zog. Körbers Lebenslauf liest sich jedenfalls wie der vieler Polit-Newcomer - er ist nicht geprägt von zeithistorischen Ereignissen, sondern von Machtoptionen.

Körber warf nie Steine gegen Altnazis, den Vietnamkrieg, den Castor, gegen Neonazis oder irgendwas, um dann herauszufinden, dass man in Turnschuhen und nassen Parkas nichts erreicht, schon gar nicht auf der Straße.

Er beschloss dann nicht - in der verrauchten Küche einer WG sitzend - den Marsch durch die Institutionen. Körber machte Praktikum bei einem Bundestagsabgeordneten. Und wurde dann selbst einer. Immerhin wird er sich nie fragen müssen, ob er nicht geworden ist, was er bekämpfen wollte. Im Gegenteil: Die Vermutung liegt nahe, dass Körber genau das geworden ist, was er werden wollte.

In der ersten Klasse wird Körber zum Klassensprecher gewählt – in der Oberstufe ist er Kreisschülersprecher. Während des Wehrdienstes ist er Vertrauenssprecher seiner Kompanie. Im Studium gründet er das Studentenradio und den örtlichen Ring Christlich-Demokratischer Studenten mit.

Als er 22 Jahre alt ist, tritt er in die CDU ein, drei Jahre später wird er Vorsitzender des Parteiverbandes seiner Heimatgemeinde Mülsen, einem Ort mit rund 12.000 Einwohnern in der Nähe von Zwickau. Mit 29 Jahren steigt er zum stellvertretenden Bürgermeister auf. Gleichzeitig ist er Präsident des größten lokalen Sportvereins, obwohl er selbst nie Sport im Verein betreibt, und Geschäftsführer des örtlichen Freibades.

Er ist 1,68 Meter groß, trägt eine rahmenlose Brille, liebt die Oper und Italien, ist fast ausschließlich in dunkelblauen Anzügen (Slim Fit) anzutreffen, meist kombiniert mit braunen Lederhalbschuhen, und fährt Mercedes E-Klasse.

„Körber ist schon immer Politiker gewesen“, sagt einer, der mit ihm studiert hat. „Wenn wir zwischen den Vorlesungen Pause gemacht haben, saß er mit seinem Laptop im Gang und hat gearbeitet.“

Heute ist er 36 Jahre alt und hat gerade die Hälfte seiner ersten Legislaturperiode als Bundestagsabgeordneter erreicht. Er ist einer von 630. Einer von denen, die man nicht in den Nachrichten sieht, keiner der Überflieger, die nebenbei noch sieben Kinder großziehen oder promovieren. Warum sich also diesen Artikel durchlesen über einen Mann, von dem Sie vielleicht noch nie was gehört haben und wahrscheinlich auch nicht werden?

Ich bin Zwickauer, und Carsten Körber ist Abgeordneter dieses Wahlkreises. Alle Macht, die er hat, hat er wegen der gut 217.000 Wahlberechtigten, die dort leben. Wenn er etwas tut, sollte es in unserem Interesse sein. Das ist das Kernversprechen der repräsentativen Demokratie. Aber: Wie soll das gehen? Wie kann ein Mann für so viele Menschen sprechen? Die auch noch alle unterschiedlicher Meinung sind? Und vor allem einer, der nichts anderes gelernt hat als die Politik?

Nach dem Essen wollen die Gäste Wahrheiten hören, die nicht in der Presse stehen

Das warme Buffet lichtet sich, im Salon mit den roten Tapeten wird es dunkel. Kellner in weißen Livreen bringen Espresso in Porzellantassen. Es könnte jetzt ganz gemütlich sein, wären die Gäste nicht in Sorge wegen der Flüchtlinge, die Deutschland so überfordern. Die Stimmung im Land ist am Kippen - so empfinden es die Mitglieder des Marketingclubs Zwickau, einem regionalen Unternehmerverband. Die meisten sind Männer um die 40, Geschäftsführer in Anzügen und bunten Schals.

Sie haben sich zwei Tage freigenommen und sind nach Berlin gefahren, um ihren Bundestagsabgeordneten zu besuchen. Wenn sie über ihn sprechen, bekommt er stets einen Artikel beigestellt, als wäre er ein Produkt. Der neue Golf. Der Carstenkörber. Jetzt, nach dem Abendessen, wollen sie von ihm Wahrheiten hören, die Sachen, die nicht in der Presse stehen.

„Hat die Bundesregierung einen Plan B, falls die Lage eskaliert?“, fragt ein Orthopädiegeschäftsinhaber. Beim letzten Ausflug nach Tschechien sei ihm aufgefallen, dass die Bundespolizisten ein bisschen dicklich und auch nicht mehr die jüngsten sind. „Wie sollen die sich denn wehren, wenn sie vielleicht bald kampferprobten Männern gegenüberstehen?“

Vor meinem geistigen Auge ziehen mit Zaunslatten bewaffnete Erzgebirgler Richtung Grenze, wo sie vom Steinhagel einer Gruppe Syrer empfangen werden. „Sie meinen, was tun, wenn der Bürgerkrieg ausbricht?“, frage ich den Orthopädiegeschäftsführer. Er macht ein Naja-irgendwie-schon-Nicken und gibt die Frage mit einer Reich-mir-mal-den-Salat-Bewegung an Körber weiter.

Flüchtlingskrise? „Wir schaffen das“, sagt der Bundestagsabgeordnete. Ein leises Gelächter, das nicht so richtig weiß, ob es zynisch oder aufmunternd klingen will, unterbricht seinen Kanzlermoment kurz, dann wird es staatstragend ruhig.

Der richtige Moment, um Max Weber zu zitieren: Gesinnungs- und Verantwortungspolitik stehen manchmal im Konflikt miteinander, sagt Körber in Anlehnung an den Soziologen. Keine Espressotasse klappert mehr, Gutmenschen, heißt das übersetzt, sitzen jetzt auf heißen Stühlen. Denn ob das Wir-schaffen-das auch noch für 2016 gilt, sagt Körber, da habe er Bedenken.

Körber hat mal wieder den richtigen Ton getroffen - der Bürgerkrieg ist vertagt, erstmal geht es noch, aber nicht mehr lange. Dann muss Schluss sein mit der unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen. Im Moment ist das seine Wahrheit. Oder sagen wir: Es ist seine Wahrheit, angepasst an das, was seine Gäste hören wollen. Denn vor zweieinhalb Jahren klang das noch anders.

“Wie viele Demokraten haben wir noch, wenn die selbstverständliche Steigerung des Lebensstandards einmal aufhört?”, fragte mich Körber damals. Damals hätte er das Grundrecht auf Asyl wahrscheinlich nicht in Frage gestellt - nicht mal indirekt, für ein konditioniertes Wir-schaffen-das, für einen Merkel-Moment. Denn damals war ich sein Zuhörer.

Vielleicht hätte ich Körber damals, 2013, sogar gewählt, hätte ich nicht kurzzeitig meinen Wohnsitz in einer anderen Stadt gehabt - und das, obwohl ich noch nie CDU gewählt habe. Aber damals war er auch noch nicht Bundestagsabgeordneter. Und da war auch noch keine Flüchtlingskrise.

Um die sollte es in dem Artikel eigentlich auch gar nicht gehen, aber sie ist nun mal das bestimmende Thema im Moment, man kommt nicht um sie herum. Zuvor war es die Pressefreiheit, davor TTIP, davor die Griechenlandkrise, davor die Ukrainekrise und bald wird es ein anderes Thema sein. Immer wird Körber eine Meinung dazu haben müssen.

Es ist unmöglich, genau zu beschreiben, was ein Bundestagsabgeordneter macht

Ich habe Körber in den vergangenen Wochen auf den verschiedensten Terminen begleitet, weil ich wissen wollte, ob und wie er sich verändert hat, seit er Berufspolitiker ist - und was er eigentlich genau in Berlin macht.

Es ist allerdings unmöglich, auch nur annähernd genau zu beschreiben, was ein Bundestagsabgeordneter alles tut. Das Abendessen mit dem Marketingclub Zwickau habe ich zum Beispiel als erster verlassen.

Es war halb zehn, ich hatte vor genau zwölf Stunden angefangen zu arbeiten, und die Stimmung im Saal hat mich einigermaßen depressiv gemacht. Es gab fettiges Essen und zwei Schoppen Spätburgunder. Ich musste buchstäblich an die frische Luft.

Für Körber hat der Abend hingegen noch eine Stunde länger gedauert als für mich. Und am nächsten Morgen wird er schon beim nächsten Termin sein, in tadellosem nachtblauen Anzug, weißem Hemd und Krawatte, mit gekämmtem Haar und geputzten Schuhen, als mein Wecker gerade erst klingelt.

Und so geht das bei Körber, wie bei den allermeisten Berufspolitikern, jeden Tag: Sie sind auf einer intellektuellen Dauerdienstreise, virtuell und physisch immer unterwegs.

Wer immer auf Reisen ist, der mag großes Heimweh entwickeln - aber deshalb kennt er seine Heimat nicht besser.

Der Job des Bundestagsabgeordneten ist eine absurde Konstruktion, er ist auf Überlastung angelegt, der 16-Stunden-Arbeitstag ist zur Attitüde kultiviert worden, die nicht hinterfragt wird. Einen Lkw-Fahrer, der nach seiner Tour das Steuer eines Schulbusses übernimmt und danach noch eine Schicht als Taxi-Fahrer dranhängt, würden wir für verrückt erklären. Politiker lassen wir hingegen fahren und fahren und fahren und erwarten, dass sie aussteigen, die beste Entscheidung treffen und sie uns auch noch in fernsehgerechten 7- bis 20-Sekunden-Statements verständlich begründen.

Die Sache mit dem Sex-Video schüttelt er einfach ab

Während des Bundestagswahlkampfes 2013 traf ich Körber zum Interview in Zwickau.
Nachdem wir eineinhalb Stunden über Politik geredet haben, taste ich mich an die Sex-Video-Sache ran. Die Frage habe ich mir für den Schluss aufgehoben, weil ich erwarte, dass ihm das Ganze ziemlich peinlich ist. Körber aber sagt: “Ich hatte Sex, was soll's? Da ist nichts Verwerfliches dran.”

Und das wiederum ist eine Antwort, die ziemlich cool ist. Also, für einen Christdemokraten, der mit 14 Jahren durch den Pilgerchor in Wagners Tannhäuser ein “Erweckungserlebnis” hatte.

“Das ist natürlich alles nicht massenkompatibel: CDU, Wagner und Opern, dann fahre ich Mercedes aus Überzeugung, wo mir jeder Imageberater sagen würde: Das kannst du nicht machen, fahr einen Golf. Aber ich bin halt so, ich verstelle mich nicht. Ich habe mich nie danach gerichtet, was die anderen machen – die sind halt zu ihren Techno-Partys gegangen. Rebellieren oder querzuschlagen – nö, dazu hatte ich nie Lust”, sagt Körber.

Bevor es zu dem Erpressungsversuch kam, hatte Körber das Sex-Video, das aus seiner Studienzeit stammt, schon einmal aus dem Internet verschwinden lassen. Damals kandidierte er gerade für den Kreisvorstand der CDU. Wer auch immer es zwei Jahre später wieder ausgegraben hat, muss einmal ein enger Freund gewesen sein.

Körber erstattet Anzeige gegen den Mann. Erpressen lassen will er sich nicht. Den Job als Wirtschaftsförderer will er aber auch. Er entscheidet sich, reinen Tisch zu machen: Zunächst offenbart er sich der Oberbürgermeisterin.

Dann, als er seine Bewerbungsrede halten soll, “beichtet er seine Jugendsünde”, wie es am nächsten Tag in der Bild-Zeitung heißt, in öffentlicher Sitzung. Der Stadtrat wählt ihn mit knapper Mehrheit.

Der Vorgänger: 23 Jahre Bundestag - war da was?

Als Körbers Vorgänger Michael Luther (CDU) nach 23 Jahren im Bundestag aufhört, kündigt er an, es mit der Politik erstmal gut sein zu lassen und sich um die Enkel zu kümmern. Zu dem Zeitpunkt ist er 58 Jahre alt. Als sein Nachfolger ist schnell Carsten Körber im Gespräch.

Direktkandidat für die CDU in Sachsen - das ist jedenfalls ein ziemlich sicheres Ticket in den Bundestag (in den Landtag auch). “So eine Chance kriegt man nur einmal”, sagt Körber und schmeißt den Job als Wirtschaftsförderer nach nur einem halben Jahr wieder hin, um im Sommer 2013 als Luthers Nachfolger zu kandidieren, dessen Praktikant und Büroleiter er einst war. Alle 16 sächsischen Wahlkreise gehen wie üblich an die CDU, fünf davon mit absoluter Mehrheit. Körber erhält 44,6 Prozent der Stimmen.

Abgesehen von dem halben Jahr als Wirtschaftsförderer und einem Intermezzo als selbstständiger Unternehmensberater hat er zum Zeitpunkt seiner Wahl keinerlei Berufserfahrung.

Luther behält sein Kreistagsmandat, lässt sich in den Zwickauer Stadtrat wählen. Im Sommer trat er zur Oberbürgermeisterwahl an, allerdings erfolglos. Im Wahlkampf muss sich Luther oft anhören, er habe sich doch im Bundestag nur ausgeruht. Und was habe er denn in Berlin erreicht? Schwierige Frage. Man kann das ja nicht in Titeln oder Tabellenpositionen messen wie bei Fußballtrainern.

Privatleben: Gibt’s nicht

“Wo kann man denn den Privatmensch Körber einmal erleben”, frage ich ihn. Er versucht kurz, seinem Gesicht einen kruppstahlmäßigen Freizeit-ist-Firlefanz-Ausdruck zu geben, was aber nicht gelingt. “Privatleben gibt es eigentlich nur an Weihnachten und im Sommerurlaub”, sagt er.

Körber ist evangelisch, geht einmal im Monat zum Gottesdienst. Er ist Single, die letzte Beziehung endete kurz vor seiner Wahl. Er wohnt auf einem ehemaligen Bauerngut in Mülsen, das seinem Großvater gehört. Die Eltern ganz oben, er in der Mitte, die Großeltern im Erdgeschoss. In seiner Wohnung in Berlin-Mitte, 41 Quadratmeter, hat er einen Crosstrainer, um sich fit zu halten.

Jemand aus dem Vorstand der Zwickauer CDU sagt, Körbers Vorgänger Luther habe sich nie darum gekümmert, was die Fraktion im Stadtrat tut. “Der hat sich nie blicken lassen, und jetzt will er uns auf einmal sagen, wo es langgeht”, sagt er.

Dann zieht er sein Smartphone aus der Tasche und sagt: “Den Carstenkörber, den kann ich jederzeit anrufen. Top! Der ist Top!” Er tippt mit dem Finger auf das Smartphone-Display. “Und wenn er mal nicht rangeht, dann ruft er zurück.”

Die große Politik wird im Bundestag so kleinteilig, dass sie wieder fast wie Lokalpolitik wirkt

Theoretisch verbringt jeder Bundestagsabgeordnete etwa die Hälfte seiner Zeit in Berlin und die andere Hälfte im Wahlkreis. Es gilt, Unternehmer zu treffen, soziale Einrichtungen und Debatten zu besuchen, sich mit Kollegen aus der eigenen Fraktion, der eigenen Koalition, dem Wahlkreis kurzzuschließen.

Dann sind da noch grundhaft ausgebaute Straßenabschnitte, energetisch sanierte Kitas und barrierefreie Ausstellungseröffnungen zu eröffnen, es ist auf Podiumsdiskussionen zu diskutieren, es sind Reden und Grußworte zu halten, Schulklassen zu unterrichten, Berichterstatter- und Mitarbeitergespräche sowie Interviews zu führen.

Täglich kommen rund 100 E-Mails in Körbers Berliner Büro an. Smartphone und Tablet-PC bearbeitet er mit der mechanischen Präzision eines Kochs beim Gemüseschneiden. Wöchentlich stehen rund 35 Termine im Kalender. Er hat 1.069 Freunde bei Facebook, 550 Adressen im E-Mail-Verteiler. Seine Webseite hat an normalen Tagen 30 Klicks, an guten sind es 100.

“Wenn ich 16 Stunden am Tag in Berlin rödel, sieht das keiner. Wenn ich aber in einem Bierzelt ein dreiminütiges Grußwort halte, dann sehen das auf einen Schlag 400 Menschen”, sagt Körber. Seine Posten als Sportvereinspräsident und Gemeinderat in Mülsen hat er inzwischen abgegeben. Keine Zeit mehr.

Körber ist Haushaltspolitiker. Als Mitglied dreier Untergruppen (von 23) des Haushaltsausschusses, die jeweils aus vier Abgeordneten bestehen, stellt er die Budgets für den Bundesrechnungshof, die Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit sowie das Bundesverfassungsgericht mit auf. Es geht um Personal, Dienstwagen, Mieten.

Mitunter wird stundenlang darüber diskutiert, wem der Bund für Dienstreisen eine Bahncard zahlen muss. Oder: Ob es besser ist, für Ex-Bundespräsident Horst Köhler ein anderes Büro zu finden, weil für sein jetziges die Miete um 10.000 Euro steigt.

Die große Politik wird hier so kleinteilig, dass der Unterschied zur Lokalpolitik gar nicht mehr so groß ist. Nur, dass sich hier aus all den Einzelteilen ein rund 300 Milliarden Euro schwerer Haushaltsplan zusammensetzt.

Als Redner ist Körber nicht gerade inspirierend, er liest vom Blatt ab, hat die typische ch/sch-Schwäche, die die meisten Sachsen verraten, selbst wenn sie sonst sehr passabel Hochdeutsch sprechen, und manchmal ist er eher unfreiwillig komisch, wie in dieser letzten Rede zum Haushalt 2016, die er im Bundestag hielt (aus dem Protokoll):

(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU - Heiterkeit bei der SPD - Dr. Petra Sitte (DIE LINKE): Was?)

In der Rede sagte Körber auch, dass “diejenigen, die mit Hass und Gewalt gegen Schutzsuchende vorgehen, (..) sich schämen sollten, sich so gegenüber Schwächeren und Hilflosen zu verhalten. Das sage ich ganz bewusst auch als Sachse.”

Eine Bemerkung, die sich viele bis dahin vergeblich von sächsischen CDU-Abgeordneten erhofft haben, die von den meisten auch nie zu hören sein wird. Hier, am Freitagnachmittag im Bundestag, ist es Konsens. Und die Kameramänner der Hauptstadtstudios haben bereits zusammengepackt.

Drei Tage später, es ist Montag, 14 Uhr, sein Magen knurrt, er ist gerade von einer Informationsreise mit der Landesgruppe in ein Flüchtlingslager auf Sizilien zurückgekehrt, zum Mittag gab es nur Kekse. Eineinhalb Stunden Bürobesprechung liegen vor ihm - die Termine der Woche und die Bürgeranfragen der vergangenen Tage sind abzuarbeiten.

Seelsorger in Zwickau

Die monatliche Bürgersprechstunde, Dienstag von 13 bis 15 Uhr. Die großartigen Dinge treffen auf die Realität. Das Problem: Die Anliegen der Bürger in Zwickau sind selten die Dinge, mit denen sich der Fachpolitiker Körber in Berlin beschäftigt.

Fünf Bürger haben sich angemeldet, drei davon kommen nicht. Dafür hat die erste Besucherin Verstärkung mitgebracht. Es sind insgesamt vier Frauen, die unter einer Krankheit namens Lipödem leiden, bei der es zu einer atypischen, symmetrischen Häufung von Fettgewebe an Hüften und Oberschenkeln kommt.

Der Besprechungsraum wirkt steril, ein Stillleben mit Sonnenblumen in Öl, das ein Zwickauer CDU-Stadtrat gemalt hat, als einziger Schmuck.

Die Frauen haben Schmerzen, manche Ärzte, so klagen sie, empfahlen ihnen, einfach Diät zu halten, die Krankenkassen zahlten notwendige Eingriffe nicht, weshalb sich die Frauen verschuldeten.

“Ich bin zwar Haushälter und kein Gesundheitspolitiker, aber ich werde das Thema dort platzieren, wo es hingehört, und wir” - er zeigt auf die Bürgerin, die den Sprechstundentermin vereinbart hat - “kommunizieren direkt”. Die vier Frauen gehen mit einem Lächeln im Gesicht. “Wir erwarten keine Wunder”, sagt eine, “wir kämpfen schon so lange.” Zum Abschied schenken sie Körber eine Kompressionsstrumpfhose.

“Die können einen schon leidtun”, sagt er, an die Heizung gelehnt. Körber hat versprochen, das Thema mit der gesundheitspolitischen Sprecherin seiner Fraktion zu besprechen und dem Bundesgesundheitsminister einen Brief zu schreiben.

Der zweite Besucher der Sprechstunde ist ein 77 Jahre alter ehemaliger Lehrer, Hans Jörg Fiedler, Ortschef der CDU in einer 5.000-Einwohner-Gemeinde. Er hat aus dem Urlaub die Broschüre einer Baufirma mitgebracht, die altersgerechte Wohnungen anbietet. Was soll Körber damit? Er bietet an, es mal einigen Bauunternehmern zu zeigen, vielleicht auch der Zwickauer Baubürgermeisterin, “das kostet ja nichts”.

Körber erwartet jeden Moment einen Anruf vom Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, für dessen Budget er als Haushaltspolitiker mit verantwortlich ist.

Er hätte auch lang und breit erklären können, warum er mit dem Katalog eigentlich nichts anfangen kann, stattdessen fragt er: “Und sonst, wie geht’s?” Fiedler berichtet von der Enthüllung eines Gedenksteins anlässlich des Wendejubiläums, einer “emotionalen Feier” mit Blasmusik und Schülerchor.

Fiedler: Die Schüler haben gesungen, es war sehr emotional. Ich würde mal sagen, das war für die Zschockener ein richtig gutes Erlebnis.

Körber: Schön, ja, viele haben schon vergessen, wo wir hergekommen sind und wie es uns heute geht, und wie viele damals dankbar gewesen wären für die Probleme, mit denen wir uns heute rumschlagen.

Fiedler: Wie schnell Leute Dinge vergessen. Heute ist vieles Selbstverständlichkeit, was viele damals noch als Wunder angesehen hätten.

Körber: Wie schnell die Leute die Maßstäbe verrücken, das ist schon schade.

Während Körber im Nachbarzimmer den Anruf von Voßkuhle entgegennimmt, sagt Fiedler: “Was der Carsten Körber in Bewegung setzt, und mit welcher Aktivität er das tut, überzeugt mich vollkommen.”

Als Körber zurückkommt, weist ihn Fiedler auf eine Bundesimmobilie in seiner Gemeinde hin, aus der man ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge machen könnte. Körber sagt seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter, es auf die Themenliste für das nächste Gespräch mit dem Landrat zu setzen.

Körbers wissenschaftlicher Mitarbeiter ist ein 24 Jahre alter Student der Politikwissenschaft. Anfang des Jahres ist er in die CDU eingetreten. Irgendwann, sagt er, würde er gern in die Politik gehen, „aber lieber zweite Reihe“. Warum CDU, frage ich ihn. „Das größte Netzwerk, die besten Kontakte“, sagt er.


Aufmacherbild: Carsten Körber kurz vor der Wahl zum Bundestagsabgeordneten auf dem Hauptmarkt in Zwickau, 2013. Foto: Ralph Köhler