„Ich bin mittlerweile weit weg von allem“

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Erste Informationen ziehe ich morgens aus dem Gesicht der Gräfin. Ich prüfe, wie ihre Nacht war, die Träume, und was der Tag bringt, der auf der Matte steht. Dann schau ich auf Pro7 Wiederholungen von „Two and a half man“. Am liebsten gut abgehangene alte Folgen, wo Charlie Sheen noch das Sagen hat und die dicke Haushälterin Berta ihm das Gras aus dem Auto stiehlt, sich zudröhnt und auf dem Rücksitz einpennt. Das sind jetzt keine Informationen, die tagesaktuell relevant wären, ich siedele es eher im populär-philosophischen Bereich an. In dem Rahmen also, in dem sich mein Leben insgesamt abspielt.

Die “Gräfin” ist Glumms „blaublütige“ Lebenspartnerin Susanne Eggert, Bildhauerin und Malerin.

Zeitungs- oder Magazinabos habe ich keine. Wenn meine Schwester Urlaub hat (sie ist Lehrerin, ebenso wie ihr Mann), überlässt sie uns das Abo der Lokalzeitung. Insgesamt vielleicht acht Wochen im Jahr. Wir sind jedes Mal heilfroh, wenn sie endlich aus dem Urlaub zurück ist und das Ferien-Abo endet.

Bis auf den Spiegel lese ich eigentlich nichts regelmäßig. Ich lese auch keine Nachrichtenseiten im Netz. Mich nervt die Überpräsenz der Medien und die Gleichschaltung.

Aber ich lese auch kaum Blogs. Hin und wieder einfach schwimmen, die famose Annika, den Kiezneurotiker. Ich mag es, wenn Leute ihre unmittelbare Umgebung beobachten, mit eigenem Witz und Lakonie. Ich mag Leute, die eine eigene Sprache sprechen. Außerdem gefällt mir Isla Volante. Ein Artist, der niemals aufgibt, ist Irgendlink.

Bücher lese ich auch nicht oft. Wenn, dann Romane. Ein Buch, das mich in letzter Zeit beeindruckt hat, war Thomas Klings letzter Lyrik-Band, der vor seinem Tod 2005 erschienen ist: Auswertung der Flugdaten. Thomas Kling ist der außergewöhnlichste Dichter, den Deutschland nach dem Krieg hervorgebracht hat.

Thomas Kings Gedichtband "Auswertung der Flugdaten"

Cover: DuMont Verlag

Thomas Kling war ein mehrfach preisgekrönter deutscher Lyriker, dessen Lesungen oft Performancecharakter hatten. Hier kann man sich die aus dem Jahr 1992 am Literarischen Colloquium Berlin anhören.

Eine Erinnerung an einen gemeinsamen Auftritt mit Thomas Kling hat Andreas Glumm in seinem Blog aufgeschrieben.

Ansonsten lese ich gern amerikanische Autoren, die autobiografisch oder semi-autobiografisch schreiben. Bukowski, Fante, Brautigan, aber auch moderne Klassiker wie John Updike und John Steinbeck. Ich mag die Weite der amerikanischen Autoren.

Ich habe weder Smartphone noch Tablet. Ich habe ein altes, nicht internetfähiges Handy. Meinen PC nutze ich zu 98 Prozent zum Tippen und Abspeichern meiner Texte. Und natürlich zum Bloggen.

Wer noch nie eine Zeile von Andreas Glumm gelesen hat, dies aber ändern möchte, fühlt sich vielleicht von der schieren Menge der seit 2005 veröffentlichten Geschichten erschlagen. Ein guter Einstieg ist die Geschichtensammlung „Geplant war die Ewigkeit“ über den Tod seiner Eltern.


Abschied liegt in der Luft. Die Dynastie der sonnigen Nachmittage, die nach Mutters Tod ihren Anfang nahm, mit heißem Kakao auf dem Balkon, ist an ihr Ende gekommen. Doch noch lebt der alte Herrscher, noch atmet die alte Familie, noch ist die alte Sonne draußen. Einmal noch lächelt der Nachmittag.

Ich gluckse.

“Was ist?” fragt Vater.

“Ach, nichts”, sag ich.


Für mein eigenes Schreiben sind meine eigenen Notizbücher die wichtigste Lektüre. Die sind die Quelle. Ich habe Internet-Archive mit fertigen und unfertigen Geschichten, mit angefangenen Texten und Text-Fetzen, aber am wichtigsten sind immer noch meine Notizbücher. Wenn mir unterwegs irgendetwas auffällt, halte ich es fest, ob eigene Gedanken, Ideen oder Originalton, der mir zu Ohren kommt. O-Ton ist unschlagbar und verfliegt so rasch, wie er kommt. Da heißt es, schnell das Notizbuch rausholen und mitschreiben. Die Leute halten mich schon fürs Ordnungsamt, wenn ich an öffentlichen Plätzen (etwa im Bus) mein Notizbuch raushole und zu schreiben beginne. Das sind Blicke, die auch einem Alien gelten könnten, der gerade auf der Erde gelandet ist. Oder dem Mann vom Ordnungsamt für Aliens. ORDNUNGSAMT FÜR ALIENS - das ist gut. Das ist Deutschland. Ich liebe Aliens. Das sind alles Deutsche.

Ich beziehe meine Informationen, ohne mich besonders darum zu bemühen. Also hauptsächlich aus dem Fernsehen. „Aktenzeichen XY ungelöst“ verpasse ich nach Möglichkeit nie. Die Sendung hat mich schon als kleiner Junge fasziniert. Das ist bis heute unverändert. Echte Fälle, dunkle Musik, die kernige Stimme aus dem Off, „Darmstadt, ein nebliger Abend im April 2008…“ Da bin ich sofort auf Gänsehaut. Da ich die Live-Sendung selten sehen darf, (die Gräfin schreit dann immer „ALL DIESE FURCHTBAREN MENSCHEN! SCHALT DAS SOFORT WEG!“), warte ich immer auf die Wiederholung im ZDF-Hauptprogramm gegen 1.30 Uhr. Das sind kurze Nächte.

„Aktenzeichen XY ungelöst“, das seit 1967 im ZDF läuft, ist eine der wenigen Fernsehsendungen, die in Deutschland erfunden und dann in die USA (und andere Länder) exportiert wurde, statt wie sonst meist umgekehrt.

30 Jahre und 300 Sendungen lang moderierte Eduard Zimmermann die Sendung. Von Zimmermann, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren die Sendung „Vorsicht Falle!“ mit Warnungen vor Betrügern moderierte, stammte auch die Idee: eine Sendung, die echte und unaufgeklärte Kriminalfälle filmisch nachstellt und die Zuschauer um Mithilfe bei der Fahndung bittet. Die Aufklärungsquote der gezeigten Fälle liegt aktuell bei 42 Prozent.

Die Sendung und das seit einigen Jahren ausgestrahlte Sonderformat „Wo ist mein Kind?“ wurden immer wieder für ihre überemotionale Machart beziehungsweise das Ausschlachten von Verbrechen und der Angst davor zu Unterhaltungszwecken kritisiert. Der Feuilletonistund Filmkritiker Georg Seeßlen sprach im Zusammenhang mit der Sendung beispielsweise von „Strafverfolgungspornografie“.

Radio vermeide ich so gut es geht.

Das letzte Mal, dass sich bei mir entscheidend etwas geändert hat in punkto Medien, war der 11. Januar 2005. Als mein Bruder mit dem Modem rüberkam und mich ins Internet überstellte.

Ich höre so gut wie keine Musik mehr, das habe ich vergessen zu erwähnen.

Wer übrigens glaubt, dieses Medien-Menü wäre bewusst gegen den Strich gebürstet oder extra-schräg ausgetüftelt, der täuscht sich. Der liegt daneben. Mir selbst ist beim Schreiben noch einmal aufgegangen, wie weit weg ich mittlerweile bin. Wovon? Von so ziemlich allem.


Andreas Glumm bloggt auf 500beine und Studio Glumm. Auf beiden Seiten schreibt der Solinger über sein Leben. Irgendwann in den Achtziger Jahren hat er auch mal einen Literaturpreis gewonnen.

Oben kann man ein kurzes Video mit Andreas Glumm sehen, in dem er aus seiner Kurzgeschichte „Tobi“ liest. Über eine der seltenen Lesungen von Glumm schreibt Oliver Driesen auf zeilensturm.de unter anderem:

„Wenn man wie ich vier, fünf Jahre dabei ist, dann hat man sich unrettbar in einer Welt festgelesen, die anfangs fremd und doch irgendwann schon erschreckend vertraut erscheint. In ein Solinger Kleinstadt-Universum voller Typen, die Heinrich Zille im Berlin um das Jahr 1900 porträtiert oder vielleicht noch Kurt Tucholsky ebendort um 1930 belauscht hätte. Es ist bevölkert von Taugenichtsen, Tresenkönigen, Quartalssäufern, Heroinjunkies, Dauerpubertierenden, Kleingeistern, Dummschwätzern, Glücksrittern, Aushilfsjobbern und Nachteulen, von reinblütigen Spinnern und Querulanten, Lottospielern, Tagträumern und schon längst vom Leben Abgehängten.“

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „__Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.