„Ich bin mittlerweile weit weg von allem“

„Ich bin mittlerweile weit weg von allem“

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Erste Informationen ziehe ich morgens aus dem Gesicht der Gräfin. Ich prüfe, wie ihre Nacht war, die Träume, und was der Tag bringt, der auf der Matte steht. Dann schau ich auf Pro7 Wiederholungen von „Two and a half man“. Am liebsten gut abgehangene alte Folgen, wo Charlie Sheen noch das Sagen hat und die dicke Haushälterin Berta ihm das Gras aus dem Auto stiehlt, sich zudröhnt und auf dem Rücksitz einpennt. Das sind jetzt keine Informationen, die tagesaktuell relevant wären, ich siedele es eher im populär-philosophischen Bereich an. In dem Rahmen also, in dem sich mein Leben insgesamt abspielt.

Zeitungs- oder Magazinabos habe ich keine. Wenn meine Schwester Urlaub hat (sie ist Lehrerin, ebenso wie ihr Mann), überlässt sie uns das Abo der Lokalzeitung. Insgesamt vielleicht acht Wochen im Jahr. Wir sind jedes Mal heilfroh, wenn sie endlich aus dem Urlaub zurück ist und das Ferien-Abo endet.

Bis auf den Spiegel lese ich eigentlich nichts regelmäßig. Ich lese auch keine Nachrichtenseiten im Netz. Mich nervt die Überpräsenz der Medien und die Gleichschaltung.

Aber ich lese auch kaum Blogs. Hin und wieder einfach schwimmen, die famose Annika, den Kiezneurotiker. Ich mag es, wenn Leute ihre unmittelbare Umgebung beobachten, mit eigenem Witz und Lakonie. Ich mag Leute, die eine eigene Sprache sprechen. Außerdem gefällt mir Isla Volante. Ein Artist, der niemals aufgibt, ist Irgendlink.

Bücher lese ich auch nicht oft. Wenn, dann Romane. Ein Buch, das mich in letzter Zeit beeindruckt hat, war Thomas Klings letzter Lyrik-Band, der vor seinem Tod 2005 erschienen ist: Auswertung der Flugdaten. Thomas Kling ist der außergewöhnlichste Dichter, den Deutschland nach dem Krieg hervorgebracht hat.

Ansonsten lese ich gern amerikanische Autoren, die autobiografisch oder semi-autobiografisch schreiben. Bukowski, Fante, Brautigan, aber auch moderne Klassiker wie John Updike und John Steinbeck. Ich mag die Weite der amerikanischen Autoren.

Ich habe weder Smartphone noch Tablet. Ich habe ein altes, nicht internetfähiges Handy. Meinen PC nutze ich zu 98 Prozent zum Tippen und Abspeichern meiner Texte. Und natürlich zum Bloggen.

Für mein eigenes Schreiben sind meine eigenen Notizbücher die wichtigste Lektüre. Die sind die Quelle. Ich habe Internet-Archive mit fertigen und unfertigen Geschichten, mit angefangenen Texten und Text-Fetzen, aber am wichtigsten sind immer noch meine Notizbücher. Wenn mir unterwegs irgendetwas auffällt, halte ich es fest, ob eigene Gedanken, Ideen oder Originalton, der mir zu Ohren kommt. O-Ton ist unschlagbar und verfliegt so rasch, wie er kommt. Da heißt es, schnell das Notizbuch rausholen und mitschreiben. Die Leute halten mich schon fürs Ordnungsamt, wenn ich an öffentlichen Plätzen (etwa im Bus) mein Notizbuch raushole und zu schreiben beginne. Das sind Blicke, die auch einem Alien gelten könnten, der gerade auf der Erde gelandet ist. Oder dem Mann vom Ordnungsamt für Aliens. ORDNUNGSAMT FÜR ALIENS - das ist gut. Das ist Deutschland. Ich liebe Aliens. Das sind alles Deutsche.

Ich beziehe meine Informationen, ohne mich besonders darum zu bemühen. Also hauptsächlich aus dem Fernsehen. „Aktenzeichen XY ungelöst“ verpasse ich nach Möglichkeit nie. Die Sendung hat mich schon als kleiner Junge fasziniert. Das ist bis heute unverändert. Echte Fälle, dunkle Musik, die kernige Stimme aus dem Off, „Darmstadt, ein nebliger Abend im April 2008…“ Da bin ich sofort auf Gänsehaut. Da ich die Live-Sendung selten sehen darf, (die Gräfin schreit dann immer „ALL DIESE FURCHTBAREN MENSCHEN! SCHALT DAS SOFORT WEG!“), warte ich immer auf die Wiederholung im ZDF-Hauptprogramm gegen 1.30 Uhr. Das sind kurze Nächte.

Radio vermeide ich so gut es geht.

Das letzte Mal, dass sich bei mir entscheidend etwas geändert hat in punkto Medien, war der 11. Januar 2005. Als mein Bruder mit dem Modem rüberkam und mich ins Internet überstellte.

Ich höre so gut wie keine Musik mehr, das habe ich vergessen zu erwähnen.

Wer übrigens glaubt, dieses Medien-Menü wäre bewusst gegen den Strich gebürstet oder extra-schräg ausgetüftelt, der täuscht sich. Der liegt daneben. Mir selbst ist beim Schreiben noch einmal aufgegangen, wie weit weg ich mittlerweile bin. Wovon? Von so ziemlich allem.


Andreas Glumm bloggt auf 500beine und Studio Glumm. Auf beiden Seiten schreibt der Solinger über sein Leben. Irgendwann in den Achtziger Jahren hat er auch mal einen Literaturpreis gewonnen.


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.