Warum wir uns mit Cyborgs beschäftigen müssen

Warum wir uns mit Cyborgs beschäftigen müssen

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Es gab eine Zeit, da haben wir nur träumen können: Dass es mal Implantate geben würde, die uns dabei helfen, Fähigkeiten oder gar Superkräfte zu erlangen. Wer hat als Kind nicht Nächte wach an die Decke gestarrt, sich ausgemalt, dass es, mit ein paar neuen Flügeln, Röntgen-Augen oder übermenschlicher Stärke vielleicht, doch möglich sein müsste, das Mädchen aus der Parallelklasse zu beeindrucken. Seit den ersten Holzbeinen dachte die Menschheit darüber nach, verlorene Fähigkeiten und Gliedmaßen zu ersetzen und tüftelte an der teilweisen Ablösung von ihrer eigenen Biologie und Sterblichkeit. Und heute? Heute ist es soweit.

Es gibt nicht nur hochpräzise Cochlea-Implantate, mit denen man fast besser hört als ein gesunder Mensch dies je könnte; es gibt Geräte im Gehirn, mit denen sich Parkinson auf Knopfdruck ausschalten lässt oder die unsere Gedächtnisleistung erhöhen. Der Mensch ist an einem zivilisatorischen Schritt angelangt, an dem sich die Frage stellt, was aus der langen Koexistenz mit den Maschinen hervorgegangen ist: Fluch oder Segen?

Die Antwort vorab: Natürlich ist es derzeit mehr Segen. Wir hängen zwar alle wie Gefangene an unseren Smartphones, aber die medizinische Forschung hat Grenzen überwunden und damit dem Menschen unglaubliche Möglichkeiten eröffnet. Aber das wird nicht so bleiben. Die Frage, die sich stellt, ist: Gibt es einen Unterschied, ob ich einem kranken Menschen eine verlorene Fähigkeit zurückgebe - oder einem gesunden ermögliche, neue Fähigkeiten zu erlangen, die er nie hatte? Diese Frage treibt die Wissenschaft schon jetzt um. Und sie wird uns als Gesellschaft in der Zukunft begleiten. Für das Buch „Wir sind Cyborgs“ habe ich über ein Jahr lang Wissenschaftler, Biohacker, selbsternannte Cyborgs und viele andere Experten auf diesem Feld begleitet. Für Krautreporter-Leser habe ich weiter recherchiert – und einen Dreiteiler konzipiert:

Teil 1. Wann der erste Mensch entstand - also der erste Homo - ist nicht genau zu sagen. Mit jedem neuen Fund werden wir ein Stückchen älter. Aber als der Mensch die erste Technik erschuf, beschleunigte sich sein Fortschritt und dessen Dynamik enorm. Wie hat das angefangen, welche Gründe sind in der Vergangenheit für unsere Technikaffinität zu finden? Und: Was unterscheidet den Menschen eigentlich vom Tier? Diese Auftaktgeschichte ist zusammen mit dem Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin entstanden.

Teil 2. Was sind Cyborgs - und was für Implantate sind heute bereits möglich? Während die Menschen lange Seite an Seite mit Technik und Maschinen lebten, haben nicht nur wir die Maschine ständig verändert. Auch sie hat angefangen, uns zu verändern. Wir sprechen mit Biohackern und Cyborgs aus den USA und Deutschland sowie dem Experten Thomas Stieglitz, der seit Jahren am Lehrstuhl für Biomedizinische Mikrotechnik der Universität Freiburg Implantate für das Gehirn entwickelt und testet.Wie weit sind von der Zukunft entfernt – alles mehr Science oder eher mehr Fiction?

Teil 3. Warum reden wir eigentlich über „unsere“ Zukunft? Könnte es nicht sein, dass die Maschine uns schon bald überlegen ist, im Sinne einer technologischen Evolution, wie sie der Futurist Ray Kurzweil beschreibt? Könnte es sein, dass in naher Zukunft die Koexistenz mit der Maschine aufgelöst wird – und einer Beziehung weicht, die auf einseitiger Dominanz beruht wie Herrchen und Hund? Nur, dass eben die Maschine das Herrchen ist? Ich habe mir Ray Kurzweils Theorie, die von vielen sehr renommierten Leuten auf der Welt geteilt wird, genauer angesehen. Und vielleicht einen kleinen Haken entdeckt.

Wer die Erkenntnisse vertiefen möchte, für den gebe ich noch einen weiterführenden Ausblick. Denn natürlich könnte man über dieses Thema ganze Buchsammlungen schreiben. Dafür habe ich eine Leseliste kuratiert - mit Links zu interessanten Aufsätzen, Spielen, Filmen und Literatur.

Illustration: Veronika Neubauer